Heteronormativität III

Eine kleine Anekdote:

Eine Geschäftspartner war zu den Terminen bereits seit einigen Jahren mit seinem Steuerberater erschienen, obwohl die Angelegenheit rein gar nichts mit Steuern, Buchhaltung oder sonstigen Geschäftsbereichen eines Steuerberaters zu tun hat. Der Geschäftspartner machte einen typisch männlichen Eindruck, bei dem Steuerberater hätte aber jeder darauf gewettet, dass er schwul ist. Da man die beiden nur zusammen sah ging man davon aus, dass die beiden wohl ein Paar sind, schwul per Assoziation mit einem anderen Schwulen und er eher den männlicheren Part übernimmt, der Steuerberater aber eher den weiblichen. Wogegen ja auch absolut nichts zu sagen ist.

Das Geschäft brachte es mit sich, dass wir auch ein Treffen in dem Geschäft des Geschäftspartners absolvieren mußten. Wir warteten noch auf den Steuerberater, da dieser bei den Gesprächen (erneut ohne Steuerberaterbezug) dabei sein sollte. Um die Wartezeit zu verkürzen bot man mir einen Kaffee an. Während wir noch mit dem Kaffee in der Hand im Sozialbereich der Firma standen ging eine junge und abgesehen von ihrer Schwangerschaft auch sehr hübsche Frau vorbei.

„Herr Schmidt, kennen Sie eigentlich schon meine Frau?“ sprach mich daraufhin der Geschäftsführer an. „Wir haben vor einem halben Jahr geheiratet“.

Ich beglückwünschte erstaunt zu Frau und Kind.

Was aus meiner Sicht die These stützt, dass wir unsere Erwartung, ob jemand homosexuelle oder heterosexuell ist, nicht nur anhand der Grundannahme Heterosexualität machen, sondern vielmehr bestimmte Eigenschaften nach Erfahrungssätzen zuordnen. Hier war die Einschätzung eben, dass die beiden, wenn der eine schwul zu sein scheint und sie viel zusammen rumhängen gut ebenfalls schwul sein könnte.

Es brachte mich auch zu einer Überlegung über Homophobie. Ich hatte ja lediglich unterstellt, dass der Geschäftsführer schwul war, weil ich ihn so oft in Begleitung eines nach meiner Einschätzung Homosexuellen gesehen hatte. Wenn dieser Rückschluss nicht unverbreitet ist, dann mindert er im Gegenzug gleichzeitig die eigenen Fortpflanzungschancen, denn einen Mann zu binden, der homosexuell ist, wäre für Frauen wesentlich schwieriger, was eine langfristige Unterstützung der Kinder gefährden könnte. Dies würde wiederum Gene fördern würde, die bei einem zu weiblichen Verhalten eines Mannes ein gewisses Unwohlsein des anderen Mannes wecken würden. Für Frauen hingegen bestünde diese Gefahr nicht unbedingt. Denn die Vermeidung einer langfristigen Bindung ist für einen Mann ungefährlicher als für die Frau, da er beim Sex weniger investiert. Das könnte erklären (allerdings nicht rechtfertigen), dass eine höhere Toleranz gegenüber lesbischen Frauen als gegenüber schwulen Männern besteht.

Sicherheitshalber noch einmal ein Disclaimer: Damit will ich Homophobie nicht entschuldigen oder eine solche Mutation als in jeden Fall im Genpool existierend bezeichnen. Ich spreche mich insoweit ausdrücklich gegen jede Form der Homophobie (aber umgekehrt auch der Heterophobie) aus. Erklärungen für gesellschaftliche Zustände rechtfertigen diese nicht. Toleranz und Verständnis kann natürlich auch erlernt werden und sollte heute eine Selbstverständlichkeit sein.