„Die meisten feministischen Schulen sind sich einig, dass sie anti-darwinistisch sind“

Helena Cronin hat in dem Artikel „Getting Human Nature Right“ einige interessante Passagen zur Evolution und dem Feminismus:

Now, this kind of thinking applied to sex differences has led to deep hostility to the very idea of evolved differences between women and men. And feminists in particular have led this opposition. Of course, ‚feminism‘ covers a multitude of views. There’s often not much in common between the unreconstructed Marxists of the British Left, the ‚post-modern‘ jargon-generators and the CEO who’s flicking shards of glass ceiling from her padded shoulders. But one thing on which most schools of feminism agree is that they’re anti-Darwinian. Even the so-called ‚difference‘ feminists, who ‚celebrate‘ ‚us‘ versus ‚them‘, prefer to invent differences rather than defer to science. I find it all very dismaying — and, as a Darwinian and a feminist, doubly dismaying.

I think this retrenchment stems from a vague belief that you can’t have fairness without sameness. I say ‚vague‘ because, once you say it, you can see it’s obviously false. But lots of strands of feminism have somehow got themselves committed to the view that if men and women are in any ways fundamentally different it will undermine the quest for a fair and egalitarian society. What originally inspired feminism was the idea that women shouldn’t be discriminated against qua women — where it was irrelevant that they were women. Being barred from universities or owning property or whatever, not because they were incapable but because they were women. But that original inspiration gets into a terrible twist when you deny evolved sex differences. Things have got to the point where there’s expected to be some kind of 50:50 representation of men and women everywhere — universities, workplace, politics, sport, childcare. So, if women are under-represented, it’s put down to sexism alone. Well, whether or not sexism is operating, evolved sex differences certainly will be — differences in dispositions, skills, interests, and ambitions. So women are very likely to make systematically different choices from men. And it’s that — not blanket 50:50 distributions — which we should expect fair policies to reflect.

Da hätten wir ja zumindest ein verbindendes Element in den verschiedenen Denkansätzen gefunden. Der ganze Artikel ist sehr interessant, ich denke ich werde noch ein paar Mal auf ihn zurückkommen.

43 Gedanken zu “„Die meisten feministischen Schulen sind sich einig, dass sie anti-darwinistisch sind“

  1. Na ich hoffe mal sie sind bloss anti-darwinistisch bezüglich der Geschlechterrollen beim Menschen (wobei auch dies eine völlig unbegründete Ausnahme darstellen würde). Witzig ist doch auch, dass „anti-darwinistisch“ eigentlich immer mit „kreationistisch“ gleichzusetzen ist… Es gilt also der (Kurz-)Schluss: Feminismus ist Kreationismus! 😉

    • @raskalnikow

      „Na ich hoffe mal sie sind bloss anti-darwinistisch bezüglich der Geschlechterrollen beim Menschen“

      Ja, die meisten werden wohl nur auf diesem Gebiet Darwins Theorien ablehnen. Und das zu einem Großteil auch noch nicht einmal bewusst, evolutionäre Betrachtungen kommen in der (wichtigeren) feministischen Literatur meines Wissens nach nicht vor (oder kennt da jemand etwas?).
      Ich könnte mir sogar vorstellen, dass recht viele Feministinnen auch wieder Atheisten sind. Die meisten Religionen haben ja eher ein recht altertümliches Geschlechterbild. Das ist aber natürlich auch nur eine Vermutung.

      „(wobei auch dies eine völlig unbegründete Ausnahme darstellen würde).“

      Ja. Deswegen wird es eher meist ausgeblendet und selten darüber diskutiert.
      Ein paar Diskussionen dazu hatte ich ja schon. Beispielsweise mit Piratenweib. Erst hat sie darauf abgestellt, dass es keine Selektion gibt. und dann hat sie darauf abgestellt, dass Evolution ja nur eine Theorie ist.

      • @christian

        nun darwins ansatz ist ersteinmal eine theorie.
        die aus seiner sicht damals durchaus logisch war. ob er sie noch mal in der form aufgestellt hätte glaube ich nicht, weil an 2 stellen systembedingte logische probleme drin sind. die erst mit heutiger wissenschaft deutlich werden. (ich kann das gerne weiter ausführen wenn du magst)

        nichtsdestoweniger wenn ich eine religiöse erklärung und darwins variante ablehne dann bleibt nicht mehr viel über.
        aber feminismus zeichnet sich nicht durch logik aus. ich habe manchmal mehr den eindruck das es mehr eine art glauben ist wo der wunsch der vater des gedanken ist.

      • @ Christian

        *Ja, die meisten werden wohl nur auf diesem Gebiet Darwins Theorien ablehnen. *

        Nein, das glaube ich nicht.

        Es geht ja nicht einfach nur um Geschlechterrollen, sondern um eine tiefe Kränkung des weiblichen Selbstwertgefühles, die moderner Feminismus zu bearbeiten hat.

        Zitat Helena Cronin:

        *There’s also a curious fact — it’s one that’s been uncovered by evolutionary biology — about the shapes of the distribution curves for most male-female differences. Darwin remarked on it and it holds robustly across other species, too. It’s that males are far more variable than females — they are over-represented both at the top of the heap and at the bottom of the barrel. For some characteristics, people might not care. But what about this implication? Fewer women are likely to be dunces but also fewer will be geniuses. When I mentioned this in a seminar in the States, I was sharply corrected by a group of feminists: „There’s no such thing as genius“. I later discovered that this had become a fairly standard ‚feminist studies‘ line. I couldn’t help wondering whether ‚genius‘ had been airbrushed out because there weren’t many women in the picture. Darwinian theory also suggests that it’s important to look at differences in disposition and interests, as well as abilities. Will the top piano student become the international star? Being competitive, status-conscious, dedicated, single-minded, persevering — it can make all the difference to success. And these are qualities that a lot of men are far more likely to possess, often in alarming abundance.*

        Darwin hilft nicht, den Minderwertigkeitskomplex vieler Feministinnen aufgrund des unterschiedlich gewichtigen Beitrages der Geschlechter zu Spitzenleistungen der Kulturgeschichte zu beseitigen, der wesentliche Ursache für das Unterdrückungsmantra ist, für den Feminismus der Gegenwart.

        Hier schafft sich eine Neurose ihre heilsame Ideologie.

        Nur wenn ich die Ursache für diesen Unterschied in der Unterdrückung der Frau durch den Mann sehen darf, ist die zu bewältigen.

        Die unterstellte Bösartigkeit/Böswilligkeit des Mannes ist mit Darwin nicht zu untermauern, aber mit Foucault, Lacan und Co.

        Nur sie geben auch Hoffnung auf Veränderung dieses für viele FeministInnen misslichen Unterschiedes.

        Wenn die „Unterdrückung“ erst einmal völlig beseitigt ist, werden Frauen ihre Begabung so frei entfalten können wie Männer und es wird ebenso viele weibliche Spitzenleistungen geben wie männliche.

        Solange das nicht der Fall ist, ist das ein Symptom für die behauptete patriarchale Unterdrückung der Frauen, die daher gefördert und privilegiert werden müssen, privilegiert und gefördert, bis die Schwarte kracht, bis zum Jüngsten Tag.

        Mit Darwin ist das nicht zu rechtfertigen, wäre der Unterschied einer natürlichen Ursache geschuldet, nicht der „Bosheit“ männlichen Machtstrebens und Unterdrückungslust.

        Die Rechtfertigung für Neid, Rachsucht, Bestrafungsbegehren, all die edlen Emotionen, die häufig feministischen Aktivismus befeuern, fielen in sich zusammen.

        Darwin ist Gift für die Bewegung.

        Darum inakzeptabel.

      • ok

        als ich darwin durchgespielt habe war meine frage wenn ich bei der vermehrung von einem geschlecht auf 2 wechsle dann brauche ich sehr viele veränderrungen in der dna. und zwar muss der körper und das verhalten verändert werden.

        meine frage war einfach wieviel daten sind das und wie gross ist die wahrscheinlichkeit dafür.
        beim weiterüberlegen kam ich dann an den punkt das zu beginn der gesamten evolution das gleiche problem herrscht.
        ich muss eine funktionierende zelle haben oder etwas was dem entspricht.

        alles was mindestfunktionen nicht erfüllt würde sich nicht vermehren können.

        wenn ich die dna konstruieren will treten eine reihe von problemen auf die ungelöst sind.

        wie hänge ich eine weitere information an die dns (damit die länger wird)?
        wo kommen notwendigen organischen Basen weg

        um mir ein bild zu machen habe ich einfach mal so getan als sei das kein problem.
        wie gross ist die datenmenge der dna in bit
        und wie gross ist die wahrscheinlichkeit das diese bit richtig gesetzt ist.
        mein erster gedanke war eine wahrscheinlichkeit von 0.5 also von 50% anzunehmen und damit einfach zu rechnen und zu sehen was da rauskommt.

        bei 2 bit also 0.5 * 0.5 = 0.5^2 = 0,25
        bei 4 0.5 ^4 = 0,0625
        bei 100 bit 0.5 ^100 = 7,8 *10^-31
        bei 200 bit 0.5 ^200 = 6,2 *10^-61

        http://de.wikipedia.org/wiki/Gen#Organisation_von_Genen
        http://de.wikipedia.org/wiki/Carsonella_ruddii

        Carsonella ruddii mit dem kleinsten bekannten Erbgut 160.000 Basenpaare (160.000 bit in dem gedanken model von oben 0,5^160000=…)

        das ist der punkt an dem ich bei darwin ein problem sehe.

      • Holger, sind das deine Punkte?

        1) DNS kann nicht länger werden (physisch).
        2) Wie entstanden die verfügbaren Basen? (oder was meinst du mit „wo kommen … weg“?)
        3) Wahrscheinlichkeit, dass ein Organismus/Organ/Verhalten/Sexualität in einem einzigen Schritt entsteht.

      • @Holger

        „als ich darwin durchgespielt habe war meine frage wenn ich bei der vermehrung von einem geschlecht auf 2 wechsle dann brauche ich sehr viele veränderrungen in der dna. und zwar muss der körper und das verhalten verändert werden.“

        Dawkins hat zur ersten Entstehung der Geschlechter etwas in „Das egoistische Gen“. Ich müsste es noch mal nachlesen, aber es dreht sich im wesentlichen darum, dass es auf einer sehr primitiven Lebensbasis bereits sinnvoll sein kann, zwei Geschlechter zu entwickeln, wenn auch noch weniger kooperativ. Das eine „Geschlecht“ entwickelt Ressourcen (Außenhülle und so weiter), dass andere „Geschlecht“ mogelt sich da irgendwie rein und spart sich so die Arbeit, eigene Ressourcen zu investieren. Über den Austausch von Genmaterial, der ja auch heute noch bei Bakterien stattfindet kann sich das ganze dann zur Zweigeschlechtlichkeit hochgeschaukelt haben und das ganze langsam komplexer geworden sein.

        „das ist der punkt an dem ich bei darwin ein problem sehe“

        Du musst eben noch einen enormen Zeitrahmen dazu nehmen (4-3,5 Milliarden Jahre). Und eine enorme Anzahl von Lebenwesen.

  2. @ Christian, Helena Cronin

    * But one thing on which most schools of feminism agree is that they’re anti-Darwinian. *

    Meine Tippse ist auch gegen Schwerkraft, wenn sie sich 1 x pro Woche wiegt.

  3. @Holger
    auch ich bin neugierig, welche logischen Probleme du anführen wirst. Jedenfalls sagt dein „nun darwins ansatz ist ersteinmal eine theorie“, dass du den Begriff „Theorie“ missverstehst (eine „Theorie“ ist nicht gleich „Hypothese“).

    • Vielleicht versteht er das gar nicht miß und will damit nur sagen, daß sie falsifizierbar ist, also prinzipiell falsch sein kann.

      • Mutter Teresa, wäre es nur der zitierte Satz allein so hättest du vermutlich recht. Holger sprach dann aber von zwei logischen Problemen… Deshalb vermute ich, dass er sich nicht bewusst ist wie robust die ganze Geschichte (-bis heute wenigstens) ist.
        Und Holger möchte ich gerne nochmals ermutigen die beiden logischen Probleme zu nennen und zur Diskussion zu bringen (Christian hat gibt ihm hier ja auch Möglichkeit dazu). Ich bin neugierig! Und ausgelernt hat man schliesslich auch nie!

  4. Pingback: » Nicht nur christliche Kreationisten und andere r … Nachtwächter-Blah

  5. Feministen laufen regelmässig Amok, wenn sich einer erdreistet, ein bestimmtes Verhalten beim Menschen salopp als „natürliches“ zu bezeichen. Das ist so, weil etwas, das als natürlich gilt, nicht unbeschränkt formbar oder im Extremfall gar unveränderlich ist.

    Die Annahme der beliebigen Formbarkeit des Menschen ist für den Feministen als Radikalkonstruktivisten absolut notwendig, will er doch in seinem totalitären Anspruch nichts weniger als den neuen Menschen schaffen. Für „Natürliches“, also evolutionär bedingte Dispositionen ist da kein Platz.

    Die meist radikale Ablehnung religiösen Glaubens ist ebenso zwingend, denn der neue Gendermensch wurde nicht nach Gottes Ebenbild als Mann oder Frau geschaffen, sondern er wird gemäss einer gesellschaftlichen Utopie, einem diesseitigen Paradies (eher ein Hölle) konstruiert – der Mensch als Knetfigürchen. Einige dieser Zombies gibt es schon. Es sind vor allem Männer. Deformiert. Devot. Selbstverachtend. Selbstgeisselnd. Sie tun Busse, so wie dies von Sündern verlangt werden darf.

    • @ P. Bosshard

      *Die Annahme der beliebigen Formbarkeit des Menschen ist für den Feministen als Radikalkonstruktivisten absolut notwendig, will er doch in seinem totalitären Anspruch nichts weniger als den neuen Menschen schaffen. Für „Natürliches“, also evolutionär bedingte Dispositionen ist da kein Platz.*

      Nicht nur in ihrem konstruktivistischen Zweig als Genderismus muss diese Ideologie eine Natur des Menschen ablehnen, weil diese Allmachts-und Formbarkeitsfantasien beschränkt.

      Sondern auch in jenem, populäreren, politisch alltagsmächtigeren Zweig, der das Erbe des Marxismus, aus dem er hervorging, angetreten hat, dem geschlechterklassenkämpferischen Gleichheitsfeminismus (das arme, unterdrückte Frauenproletariat, dem ausbeuterische Egomännerbourgeois jahrmillionenlang die Entfaltung verweigerten durch ihre patriarchale Geschlechterklassenherrschaft, weshalb Nannerl das Komponieren aufgab, wenn nicht gar Wolferl sie in seinem Keller angekettet hatte, um ihre Musik zu klauen).

      *Die meist radikale Ablehnung religiösen Glaubens ist ebenso zwingend, denn der neue Gendermensch wurde nicht nach Gottes Ebenbild als Mann oder Frau geschaffen, sondern er wird gemäss einer gesellschaftlichen Utopie, einem diesseitigen Paradies (eher ein Hölle) konstruiert *

      Auch das hat der genderistische mit dem sozialistischen Teil der Bewegung gemein.

    • @ Lucia

      *Wann nennst du Fake endlich deinen Blog – „Maskuline Hochburg“?*

      Vielleicht dann, wenn Du Deinen „Wimme(r)n in der Blogosphäre“ nennst?

  6. So wie ich das Ganze bis jetzt verstehe fürchten sich viele Feministen (haha, absichtlich: -en) vor biologisch-evolutionären Erklärungen, weil sie vermuten, dass die Schuldfrage ins Wanken käme. Dies ist nicht ganz unbegründet: Die Biologie arbeitet schliesslich auch wacker daran, den freien Willen als menschliche Schöpfung zu entlarven und „abzuschaffen“. Das kann schon beängstigend sein (wo kein freier Wille, da auch keine Schuld).
    Nur geht „der Feminismus“ von falschen Annahmen aus: Es gibt keinen genetischen Determinismus. Speziell im Verhalten gibt es ihn nicht! Unsere Kultur, unsere Gesellschaftsordnung kann korrigierend auf unser Verhalten wirken. Z.B. Kann man die Kosten für ein unliebsames Verhalten erhöhen (indem man es Strafbar macht). Ist dies denn nicht gerade DIE Geschichte der Menschheit? – Das Überwinden von natürlichen Zwängen und Limitierungen?

    Aber wie es Alexander Roslin schon mit klaren Worten benannte: Es lässt sich nicht mit ihrer Ideologie vereinbaren – und muss deshalb abgelehnt werden.

  7. @ raskolnikow

    *Unsere Kultur, unsere Gesellschaftsordnung kann korrigierend auf unser Verhalten wirken. Z.B. Kann man die Kosten für ein unliebsames Verhalten erhöhen (indem man es Strafbar macht)*

    Das ist richtig, aber eben nur innerhalb bestimmter Grenzen und auf bestimmten Feldern.

    Würde man den Status von Kindergärtnern/Hausmännern aufrüsten, würden sich Männer drängen, Kindergärtner zu werden.

    Aber noch so viel Förderung wird es schaffen, etwa die unterschiedliche IQ-Verteilung zwischen den Geschlechtern aufzuheben.

    Das wäre nur möglich, wenn sich hochintelligente Frauen erfolgreicher fortpflanzten als hochintelligente Männer.

    Aber das Gegenteil ist der Fall: 40 % der Akademikerinnen bleiben kinderlos.

    Der Feminismus in seiner gegenwärtigen Ausprägung scheitert so oder so an der Evolution: Entweder rasch am theoretischen Darwinismus oder allmählich im Laufe einiger weniger Generationen, weil nur die Frauen überhaupt noch Kinder bekommen, die besonders „kinderbedürftig“ sind.

    Das sind aber ganau nicht diejenigen, die volle Berufstätigkeit und Gleichstellung mit dem Mann anstreben.

    Der „männlichere“ Teil des weiblichen Spektrums kegelt sich selbst vom Spielfeld der Evolution.

    Kommt Zeit, kommt Patriarchat, könnte man sagen.

    • Also wenn es um die Vererbung von Intelligenz geht, dann bin in ich schon sehr skeptisch. Das droht dann sehr schnell in den Sozialdarwinismus abzudriften…

      „40% der Akademikerinnen bleiben kinderlos“, ja und? Können sehr intelligente Väter nicht ebenso intelligente Töchter zeugen?

      Und nochmals: Die Vererbung von Intelligenz ist wohl ein noch umstritteneres Thema als die Geschlechterrollen! Der Einfluss der Erziehung und Förderung ist um ein x-faches wichtiger (zumindest mit „normalen“ Kindern) als die Genetik. Hat sich nicht gerade auch Sarazin in diesem Bereich etwas verrannt…?

  8. @ raskolnikow

    Doch, IQ-Unterschiede bei Erwachsenen sind zu 80 % erblich bestimmt, die 20 % „Umwelt“ umfassen auch noch die im Mutterleib, die soziokulturell später, nach der Geburt, nicht mehr beeinflussbar ist.

    Allerdings: Das gilt nur, wenn keine allzu großen Unterschiede in der Förderung/Deprivation zwischen diesen Erwachsenen vorlagen, sie also in etwa gleich gut ihr genetisch vorgegebenes Potential ausschöpfen konnten.

    Denn schwere (!) Vernachlässigung, Armut, Mangelernährung, Misshandlung etc. eines Kindes können verhindern, dass es das, was in ihm angelegt ist, zur Gänze ausschöpft.

    Die Aussage Intelligenz habe einen Erblichkeitsfaktor von 0,4 bis 0,8 drückt keine Unsicherheit der Forschung aus, sondern gilt über die Zeit: bei Kindern ist der Umwelteinfluss auf deren IQ höher als bei Erwachsenen.

    Warum ist noch unklar.

    Vielleich wird das reifende Gehirn, je älter je mehr, von der inhärenten Fähigkeit der Neuronen bestimmt, Verknüpfungen einzugehen, der Axone schnell zu leiten usw, vielleicht weil inhärent inntelligente Menschen sich auch als Mündige „intelligente“ Geistesnahrung suchen, Freude am Lernen komplizierter Sachverhalte haben im Gegensatz zu „Dümmeren“, die das mehr anstrengt und frustriert, die deshalb mehr die Nachmittagstalkshow bevorzugen, während sie als Kinder zu „intelligenterem“ Zeitvertreib gezwungen werden konnten usw.

    Nach der Adoleszenz bleibt der IQ stabil bis in’s hohe Alter.

    Kinder von Eltern mit niedrigem IQ, extrem gefördert (etwa durch Adoption in „intelligente“ Familien) profitieren davon IQ-mäßig als Kinder mehr denn als Erwachsene.

    Sie fallen sozusagen auf ihre ererbten Möglichkeiten zurück.

    Ganz gute Kürzestfassung des gegenwärtigen Forschungsstandes:

    http://www.psychologytoday.com/blog/the-scientific-fundamentalist/200904/common-misconceptions-about-science-v-intelligence

  9. Sozialdarwinistisch wird es imho dann, wenn es eben biologisch-deterministisch wird.

    Wenn also das gezielte Verkümmernlassen der Potentiale damit gerechtfertigt wird, dass a priori die Potentiale nicht vorhanden sind. Intelligenz mag zum großen Teil vererblich sein, dass heißt aber nicht dass Kinder aus „bildungsfernen Schichten“ nicht weit unter ihren Potentialen bleiben.

    Einen Fachhochschulabschluß kann auch ein unterdurchschnittlich intelligenter Mensch erreichen, so er motiviert und Bildungsmäßig entsprechend versorgt wird.

    Und ein Kind aus einer Arbeiterfamilie ist per se auch nicht unintelligenter als ein Akademikerkind.

    Wir können es uns – bei unserer Demografie – nicht leisten, auch nur ein einziges Potential verkümmern zu lassen, wir brauchen Ingenieure, Ingenieure und Ingengieure und gute Facharbeiter, gute Facharbeiter und gute Facharbeiter.

    • @ Nick

      *Und ein Kind aus einer Arbeiterfamilie ist per se auch nicht unintelligenter als ein Akademikerkind.*

      Zumal auch hier gilt, dass ein Gruppendurchschnitt nichts aussagt über das Individuum.

      Auch relativ unbegabte Eltern können, wenn auch selten, hochbegabte Kinder zeugen und umgekehrt, hochintelligente Eltern können höchst unbegabte Kinder bekommen.

      Ich muss mir IMMER das Individuum ansehen und was aus einem Kind wird, lässt sich weder an seinem Geschlecht noch an seiner Herkunft festmachen.

      Ob allerdings ein unterdurchschnittlich intelligenter Mensch einen Fachhochschulabschluss schafft, das bezweifle ich.
      Der Durchschnitts-IQ bundesdeutscher Abiturienten liegt gegenwärtig bei 113.

      Aber jemand mit IQ 90 schafft sicher einen Gesellenbrief, eine gute handwerkliche Ausbildung, das ist in jedem Falle der Mühe wert, besser als nichts, besser, als auf Transferleistungen/staatliche Wohlfahrt angewiesen zu sein, besser für den Einzelnen und besser für die Gesellschaft, bei der ich ohnehin nicht erkenne, wie sie die anstehenden Transferleistungen bei unserer Demographie von den immer weniger werdenden Arbeitsfähigen in den nächsten Jahrzehnten eintreiben will, ohne die prospektiven Nettozahler in Massen in’s Ausland zu treiben.

      Hier bleiben würden dann vor allem jene, die nur mittels Transferleistungen hoffen können, einen erträglichen Lebensstandard zu erreichen.

      Aber wer soll die dann finanzieren, wenn die, die überall gutes Geld verdienen können, in großer Zahl abwandern, weil sie schlicht die Schnauze voll von Transfers an Menschen haben, mit denen sie nichts verbindet, die sie nicht kennen, die sie nicht lieben ?

  10. Na dann sag‘ ich mal: Danke für die Info!
    Ich kannte nur die „Mäuse-Studie“; zwei Zuchtlinien, eine auf Intelligenz die andere auf Verkümmerung getrimmt. Die zeigte dann, dass Intelligenz zwar vererbt wird, nur waren „intelligente“ Mäuse, welche in reizarmer Umgebung aufwuchsen viel „dümmer“ als „dumme“ Mäuse, welche in reiz-reicher Umgebung aufwuchsen. Das läuft auch aufs Gleiche hinaus wie Nick & Roslin sagen. Mir war nur nicht klar, wie hoch der Faktor wirklich ist.

    • @raskalnikow:

      Gemäß Evolutiontheorie bedeutet „Fitness“ ja nicht „Stärke“ oder „IQ“, sondern Anpassungsfähigkeit an die jeweils vorherrschenden Umweltbedingungen.

      Das ist nach meiner Auffassung, neben der Verkürzung von Biologie auf biologischen Determinismus, der Hauptfehler des Sozialdarwinismus.

      Gerade das Soziale, die Nächstenliebe die bis zur eigenen Existenzbedrohung reicht, ist ein ganz wesentlicher Fitnessfaktor des Menschen. Sozialdarwinismus behauptet gerade das Gegenteil.

    • @ raskolnikow

      Machen wir uns nichts vor: Menschenzucht wäre erfolgreich.

      Hemmte ich die Vermehrung unbegabter Menschen, förderte die intelligenter, dann könnte ich den ´Durchschnitts-IQ einer Population steigern über die Zeit.

      Wenn wir das nicht tun, nicht tun dürfen, dann nicht, weil es nicht funktionierte, sondern weil es unethisch ist und hoffentlich auch bleiben wird.

      Es ist keine Entscheidung, die sich funktional begründen lässt, sondern „nur“ eine, die aus einem Wollen entspringt.

      Natur ist nicht moralisch gut, Natur ist amoralisch.
      Der Mensch kann moralisch sein, wenn er es WILL.

      • @Roslin

        „Machen wir uns nichts vor: Menschenzucht wäre erfolgreich.“

        Klar, wäre sie. Aber sie wäre auch nur sehr schwer umzusetzen. Die Reproduktionszyklen von Menschen sind ja recht langsam und sie neigen dazu, sich abseits der Zucht zu vermehren.

      • „Hemmte ich die Vermehrung unbegabter Menschen, förderte die intelligenter, dann könnte ich den ´Durchschnitts-IQ einer Population steigern über die Zeit.“

        Ob das der Sinn der sexuellen Selektion ist?

        They found that if the goal is to maximize fitness by finding a particularly good combination of genes, asexual reproduction – which increases a population’s numbers at a much faster rate than sexual reproduction – works very well.
        In contrast, sexual reproduction, through the process of recombination and segregation of chromosomes, strongly favors genes that work well in many different variations rather than any one good combination. In that view, the authors wrote, alleles of the same gene compete with each other based upon how well they perform on average rather than how well they perform in any one specific combination.

        http://www.redorbit.com/news/science/1602841/flexibility_wins_over_fitness_in_sexual_reproduction/

      • @Roslin

        „Nicht für ein totalitäres System“

        Als reines Gedankenspiel, unter Ausblendung der Ethik:

        Schwierig genug. Auch da muss man ja zumindest ca 15 Jahre zwischen die Generationen legen. Und das ist erst die erste Generation. Damit holt man noch nicht viel raus.
        Besser wäre es alle Frauen/eine erhebliche Anzahl von Frauen künstlich mit „Geniesperma“ zu befruchten um so wenigstens die Anzahl zu erhöhen, aber auch da werden die Leute was dagegen haben (und es zieht den Genpool natürlich auch erheblich runter).

        Bei Tieren ist es auch etwas einfacher die Nachkommen auszusortieren, die nicht den gewünschten Zuchterfolg hatten.

        Bis zur 5 Generation wären wir immerhin bei ca. 75 Jahren, wenn ich das richtig sehe. Das ist noch nicht so viel.
        Man bräuchte wohl tatsächlich ein „tausendjähriges Reich“.

      • @ Nick

        *Ob das der Sinn der sexuellen Selektion ist?*

        Ja, wenn die richtigen, dem Überleben dienenden Merkmale gefallen finden, dient sie der Fitness.

        Eine Art, die sich hartnäckig „verwählt“, kann in einer Sackgasse enden, als Folge eines Selbstläuferprozesses wie beim Geweih des Riesenhirsches.

        Dann stirbt sie eben aus, weil die Herstellung des präferierten Merkmals irgenwann doch zu aufwendig wird (beim Riesenhirsch wurde das Geweih wohl zu groß, band viel zu viele Mineralstoffe, die nach Veränderungen des Klimas und damit der Vegetation nicht mehr beschaffbar waren in ausreichender Menge).

        Manchmal denke ich, das könnte den Menschen hinsichtlich ihrer Intelligenz passiert sein.

        Unsere Gehirne sind vielleicht zu groß geworden, haben uns die Möglichkeit geschaffen, die Macht, uns selbst auszurotten.

        Ob wir klug genug sind, mit dieser Macht verantwortlich umzugehen, das ist zweifelhaft.

        Hätten sich Frauen doch nur häufiger in dümmere Männer verliebt, es wäre vielleicht klüger gewesen.

        Solange diese Wahl jedoch auf individueller Ebene erfolgt, ist dagegen ja nichts zu sagen, ist es Teil der individuellen Freiheit eines jeden Einzelnen (obwohl der Mensch da ja so frei eben nicht ist, sondern viel instinktgesteuerter als er sich bewusst ist).

        Aber es ist eben kein überindividueller Zwang, der auf den Einzelnen ausgeübt wird, kein staatlich oder religiös verordnetes Zuchtprogramm, das es wohl auch gibt (vielleicht das indische Kastensystem, die Kasten Indiens unterscheiden sich genetisch, gehören verschiedenen Ethnien an).

      • @Nick

        „Ob das der Sinn der sexuellen Selektion ist?“

        Einen Sinn kann die sexuelle Selektion ja eh nicht haben. Es kann zwar einen Vorgang in Gang setzen, der auf ein bestimmtes Ergebnis hinauslaufen wird (im Wege der Runaway Selektion), aber das ist dann auch kein tatsächlicher Sinn.

  11. @ Christian

    *Man bräuchte wohl tatsächlich ein „tausendjähriges Reich“.*

    Ausgerechnet bei aschkenazischen Juden (die Menschengruppe mit dem höchsten IQ weltweit) könnte das über ca. 1000 Jahre hinweg passiert sein: durch die etwa seit dem 8. Jhdt. laufende Einschränkung ihrer Berufs-/Lebensmöglichkeiten (kein Landbesitz erlaubt, kein zünftiges Handwerk) wurden sie abgedrängt in Berufe, die vor allem intellktuelle Leistungsfähigkeit mit Wohlstand prämierten (Händler, Wechsler, Banker). Hinzu kam die eng abgegrenzte Fortpflanzungsgemeinschaft (kaum Ein-oder Ausheirat), so dass möglicheweise 1000 Jahre reichten (ab ca. 1800 allmähliche Aufhebung der Ghettoisierung und Emanzipation), um für die biologische „Züchtung“ eines IQ-Vorsprunges zu sorgen (Durchschnitts-IQ bei Ashkenazim in den USA, dort leben weltweit die meisten, ca. 115).

    Das jedenfalls glauben Cochran, Harpending et al., denen auffiel, dass in einer Spezialklinik für seltenste erbliche Erkrankungen des Nervensystems ungewöhnlich viele Akademiker behandelt wurden, von denen ungewöhnlich viele wiederum Aschkenazim waren (jüdische Familien aus Ost-/Mitteleuropa).

    http://en.wikipedia.org/wiki/Ashkenazi_intelligence

    Sie glauben, das mit einer Komorbidität erklären zu können, die „in Kauf“ genommen wurde, weil das Merkmal Intelligenz, obwohl assoziiert mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko, in dieser eng ab- und ausgegrenzten Population trotzdem aufgrund der besonderen Lebensumstände mehr Vorteile als Nachteile bot.

    Als dann ab 1800 die Diskriminierung der Juden aufgehoben wurde, sich ihre ererbte Intelligenz entfalten konnte, zeigte sich die in ihrem überragenden Erfolg gerade in akademischen Professionen, der ja bis heute anhält (in den USA ca 2 % der Bevölkerung und ca. 25 % der Nobelpreisträger).

    In Europa wurde dieser überragende Erfolg zur narzisstischen Kränkung für viele nichtjüdische Europäer, die diese Kränkung bearbeiteten durch Entwicklung der Theorie von der jüdischen Weltverschwörung, die den jüdischen Erfolg ohne Kränkung des eigenen Selbstbewußtseins erklärte: durch Selbstbegünstigung, unfaire Konkurrenz, Verschwörung und Unterdrückung sei das entstanden, nicht etwa deshalb, weil Juden ganz einfach häufiger begabter wären als Nichtjuden.
    Das zuzugeben war dem Selbstbewusstsein nichtjüdischer Europäer so unmöglich, dass sie lieber der Theorie der jüdischen Weltverschwörung anhingen, in Deutschland mit mörderischen Konsequenzen.

    Weil der Erfolg erschlichen, erlogen, erschwindelt sei, dürfe man sie guten Gewissens hassen, diffamieren, bekämpfen.

    Wer Ähnlichkeiten zur patriarchalen Weltverschwörungstheorie entdeckt, die andere Ungleichverteilungen erklären soll, ist selber schuld.

    Mir fallen sie auf.

  12. Pingback: „Warum hassen Feministinnen die Evolutionspsychologie so sehr?“ « Alles Evolution

  13. Pingback: “Innerhalb der Geschlechter gibt es weit größere Unterschiede als zwischen den Geschlechtern” « Alles Evolution

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