Mißbrauch, Liebe und Status

Gerade sorgt der „Koblenzer Mißbrauchsprozess“ für Schlagzeilen, in dem ein Vater der unangefochtene Herrscher einer Familie im Innenverhältnis war seine Tochter und seine Stieftochter über Jahre vergewaltigt hat und zudem mit ihnen Kinder gezeugt hat.

Detlef S. habe sie und ihre Halbschwester jahrelang sexuell missbraucht, an Freier verkauft und mit der Halbschwester acht Kinder gezeugt. Mitten in der Vernehmung legte der 48-Jährige ein Teilgeständnis ab.

Das alles ist natürlich eine schreckliche Tat, die das Leben der Kinder schwer betroffen hat und sicherlich auch noch betreffen wird.

Hier möchte ich aber nicht die Tat an sich besprechen, sondern einige Teilaspekte davon.

Das eine ist der folgende Satz:

In ihrer Aussage schilderte die Tochter laut Gericht auch die Gewaltsituation in der Familie. Prügel hätten vorrangig die Stiefkinder bekommen, sagte die 18-Jährige.

Was vor dem Hintergrund biologischer Elternbindungen an die eigenen Kinder interessant ist.

Und dann die Reaktion der Tochter:

Am Ende der Befragung sagte die Zeugin: „Ich liebe meinen Vater immer noch sehr. Ich hasse ihn nicht und ich will ihm das auch noch einmal persönlich sagen.“ Ein Wunsch, den das Gericht respektierte. In einem Nebenraum durften sich die beiden sehen, sprechen und umarmen.

Auch das könnte man als Beleg für die Wirkung der Eltern-Kind-Bindung sehen. Hinzu kommt sicherlich, dass der Vater innerhalb der Familie eben einen absoluten Status als Alleinherrscher hatte und hier allein herrschte. Sein Status innerhalb der Familie bedingt durch die Fähigkeit nach Belieben Bestrafungen auszuteilen oder angepasstes Verhalten zu belohnen und zu Handeln, wie er wollte, muss enorm gewesen sein.

Meine These ist, dass sich unser steinzeitliches Gehirn der Wirkung eines solchen – obwohl sehr lokalen -hohen Status nicht entziehen kann und hier zwangsläufig Wertungen vergibt, die bei allem Leid Gefühle wie  Verehrung und Liebe entstehen lassen können. Nach dem gleichen Prinzip dürften die meisten Sektenführer arbeiten, wobei diese ihren höheren Status noch über eine höhere religiöse Autorität absichern.

Unter steinzeitlichen Bedingungen ist es nur konsequent dem Stammeshöchsten auch dann zu folgen, wenn er ein Despot ist. Denn der Umstand, dass ihm niemand seine Despotenstellung streitig machen kann, bietet insofern ein Indiz für Qualität (was  allerdings in unserer Gesellschaft dann fehlgeleitet ist).

18 Gedanken zu “Mißbrauch, Liebe und Status

  1. Ich glaube entwicklungspsychologisch muss man dies sicher anders betrachten. Vater und Mutter sind in der Regel erste Bezugspersonen für Kinder „ein Teil ihrer Welt“, zu einem gewissen Teil mit dafür verantwortlich, wie sich die Persönlichkeit des Kindes entwickelt. Wird dieses Kind missbraucht, dann kann es in der Regel nicht einen Teil der eigenen Persönlichkeit, der Ich-Identität aufgeben, sondern verdrängt den Prozess.

    Dies würde ich nicht über Statusdenken zu ergründen versuchen. Du verzeihst, falls du einen jüngern Bruder hast, diesem doch auch allerlei, was du normalen Menschen nicht verzeihen würdest und zwar aus der Bindung heraus und nicht aus dem Status.

      • Nun ja, das könnte aber auch an einer Internalisierung gängiger Gesellschaftsnormen liegen. Ein despotischer Vater wird als negativ wahrgenommen, ergo kann ich ihm einen Missbrauch eher verzeihen, weil er halt „böse“ ist und „böse“ Menschen nunmal „Böses“ tun.

        Ich glaube dies würde in Sparta z.B. nicht erfolgt sein. Was deiner Theorie widersprechen würde.

      • @Skeptiker

        „Ein despotischer Vater wird als negativ wahrgenommen, ergo kann ich ihm einen Missbrauch eher verzeihen, weil er halt „böse“ ist und „böse“ Menschen nunmal „Böses“ tun.“

        Finde ich als Theorie nicht so überzeugend. Gerade weil er böse ist kann man ihn ja auch mehr hassen.

        „Ich glaube dies würde in Sparta z.B. nicht erfolgt sein. Was deiner Theorie widersprechen würde.“

        Was genau wäre in Sparta nicht erfolgt? Das man ihm eher verzeiht nach einem erheblichen Kindesmißbrauch? Da fehlt uns wohl der konkrete Fall zum vergleichen.

  2. „Dass es auch bei besonders schwerem sexuellem Missbrauch „besonders intensive Gefühle“ zwischen Opfer und Täter gebe, sei normal, weiß auch Jürgen Bengel, Professor am Institut für Psychologie in Freiburg. Für die Form, wie diese ausgelebt werden, gebe es allerdings einen großen Spielraum und keinen Normalfall. Es gibt in diesen Fällen kein Schwarz-Weiß“, so Bengel. Neben einer „grausamen Wirklichkeit“ bestehe auch immer eine „andere Wirklichkeit“. Je mehr ein Täter eine Lebenssituation beherrsche, umso mehr müsse ein hilfloses Opfer Positives aus dieser Situation ziehen.“

    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,746167,00.html

    Das ist somit kein bewußtes Abtreten, eine Verneigung vor dem Status sondern viel mehr ein Überlebenskampf. Du kannst auf Dauer nicht in einer total negativ besetzten Umwelt überleben, somit musst du bestimmte Eigenschaften deines Peinigers „schön reden, denken“.

    Wenn wir das auf Missbrauch bei Babys und Kindern umsetzen, greifen ja die Mechanismen, die ich oben versucht habe darzustellen. Dann ist hier ein Teil der eigenen Persönlichkeit betroffen.

    • @Skeptiker

      Verdrängung und Schöndenken spielt sicherlich auch eine Rolle. Aber vielleicht konzentrieren wir uns ja beim Schöndenken eben auch auf das, war übrig bleibt, eben sein Status in der Gruppe.

      Über den Status könnte man zudem auch andere Vorgänge erklären. Etwa Sekten oder das Stockholm Syndrom.
      Grundsätzlich neigen Menschen dazu, in Zwangs- oder Abhängigkeitssituationen auch moralisch oder ethisch bedenkliche Handlungsweisen von Autoritäten zu relativieren und eine Schutzhaltung für sich zu entwickeln. Die Frage ist, warum das gerade bei Autoritäten erfolgt.

      • @Christian
        Die Frage ist, warum das gerade bei Autoritäten erfolgt.
        Wenn du jemanden nicht ernst nimmst, dann kommst du gar nicht erst in eine derartige Situation.
        Würdest du dich von jemandem erniedrigen lassen, indem er dich mit Wattebällchen beschießt? Ich glaube nicht (oder müsste dabei sehr lachen) 😉

      • @Khaos.Kind

        „Wenn du jemanden nicht ernst nimmst, dann kommst du gar nicht erst in eine derartige Situation.“

        Ich kann jemanden ja als Bedrohung ernst nehmen, auch wenn er keine Autorität hat. Der jüngere (Stief-)Bruder kann zB seine Schwester vergewaltigen, auch wenn er keine Autorität über sie hat. Würde hier der Bruder eher angezeigt werden, wenn er keine Autorität hat?

        Und auch dieser Mechanismus gerade das Handeln von Autoritäten hinzunehmen muss sich ja auch irgendwie entwickelt haben. Da Autorität in vielen Fällen deckungsgleich ist mit Status wäre das ja durchaus dicht an meiner Theorie.

      • Weil Autoritäten in der Regel über Macht und nicht unbedingt Status verfügen. Ein Bankräuber hat keinen Status, ein Bankräuber hat Macht.

      • hi Khaos.Kind

        „Wenn du jemanden nicht ernst nimmst, dann kommst du gar nicht erst in eine derartige Situation.“

        als ich den satz gelesenhabe kam mir der gedanke …

        wir werden erzogen das man alles ausdikutiert und gewalt keine lösung ist.

        macht uns das nicht besonders hilflos gegenüber extrem agressivem verhalten ? unabhängig ob man autorität anerkennt oder nicht. die macht nimmt sich wer über jemand anderen.

        z.b. wenn menschen im öffentlichen raum angegriffen werden schauen die meisten weg…

      • @Holger
        wir werden erzogen das man alles ausdikutiert und gewalt keine lösung ist.
        Also du wurdest vielleicht so erzogen.
        Ich wurde so erzogen, dass Gewalt keine Lösung ist aber es trotzdem nicht schaden kann die eine oder andere Kampfsportart zu beherrschen 😉

      • @Khaos.Kind

        Habe ich nachgeholt

        @Skeptiker

        Ein Bankräuber hat in der konkreten Situation die Macht über Leben und Tod. Er ist vermutlich die höchste Autorität im Raum. Natürlich ist er in diesem Moment, wo alle vor ihm kuschen, auch der „Ranghöchste Affe im Raum“, hat also Status. Wenn er dann noch neben dieser Autorität etwas guten Willen zeigt, Gunst gewährt, dann bildet das die perfekte Überleitung für ein Stockholm Syndrom

        „Ich wurde so erzogen, dass Gewalt keine Lösung ist aber es trotzdem nicht schaden kann die eine oder andere Kampfsportart zu beherrschen“

        Interessanterweise ist das ein Ansatz, der in Teilen des Feminismus als „Victim Blaming“ abgelehnt ist. Weil von dem Opfer ein Handeln verlangt wird und ihm damit indirekt die Schuld an der Tat zugewiesen wird.

      • Da stellt sich die entscheidende Frage, ob ihm die „Waffe“, die Zwangssituation nur Macht oder auch Status verleiht. Ich bejahe Ersteres, neige dazu Zweiteres zu verneinen. Kommt ja auch immer auf die Statusdefinition darauf an.

        Schwierig. Jedenfalls, wird die Reaktion von Mann und Frau unterschiedlich sein, das wage ich zu behaupten. Bei Mann wird sicher eher Hass, Aggression neben der „Angst“ vorherrschend sein als bei Frauen. Ob man dies mit Testosteron erklären kann?

      • @Khaos.Kind

        nun evtl war das missverständlich also noch mal anders.
        (die aussage war mehr allgemein gesprochen und nicht eine frage ob du in der lage bis deine mitmenschen zu kleinholz zu verarbeiten.)

        kennste den film „demolition man“ ?

        dort wird deutlich was mir durch den kopf ging

  3. @ Skeptiker

    *Weil Autoritäten in der Regel über Macht und nicht unbedingt Status verfügen. Ein Bankräuber hat keinen Status, ein Bankräuber hat Macht.*

    Das verschränkt sich ja in einer Vaterfigur, der innerhalb der Familie Macht hat (zu strafen z.B.), Autorität hat und damit Status (Status verleiht Autorität und Autorität verleiht Status).

    Es ist ja kein Zufall, dass sich Diktatoren immer auch als Pater Patriae inszenieren (im alten Rom nicht anders als Hitler, Franco, Stalin, Mao etc.).

  4. Pingback: my-tag » Mißbrauch, Liebe und Status

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.