Das Argument der Diskriminierung als Privileg

Gerade wieder wird neben der Frauenquote auch mal wieder diskutiert, warum so wenige Frauen bei Wikipedia mitmachen:

Über die Gründe, wieso so wenige Frauen Anreize sehen, eigene Texte auf Wikipedia zu veröffentlichen, kann nur spekuliert werden. Immerhin kann jeder mitmachen. Es gibt kein Männer-dominiertes Führungsteam, das Frauen benachteiligen könnte. Einige Beobachter meinen, dass Wikipedia – obwohl ein offenes Schreib-Projekt – den Traditionen der Computer-Welt unterworfen ist, die männlich dominiert ist. Andere meinen, dass die prinzipielle Offenheit des Projekts auch für frauenfeindliche Personen gelte. Dass hier das Problem liegen könnte, glaubt Joseph Reagle, Autor von „Good Faith Collaboration: The Culture of Wikipedia.“ Jane Margolis von der Universität von Kalifornien in Los Angeles ist der Meinung, dass viele Frauen zu wenig selbstbewusst seien, um ihre Meinung in der Öffentlichkeit zu vertreten. Viele Frauen würden in traditionell Männer-dominierten Umfeldern ihre Kompetenzen anzweifeln.

Interessant ist, dass die Bemühungen den Frauenanteil zu erhöhen, gerade damit begründet wird, dass sonst klassische Frauenthemen wie „feministische Literatur und Schuhdesigner“ nicht hinreichend gewürdigt würden. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Ton bei Schuhdesignerthemen überaus rau ist. Viele Frauenfeinde liefern sich erbitterte Kämpfe um Schuhdesignerthemen, damit auch hier das Patriarchat aufrechterhalten bleibt.

Der zugrunde liegende Artikel in der New York Times fasst es wie folgt:

But because of its early contributors Wikipedia shares many characteristics with the hard-driving hacker crowd, says Joseph Reagle, a fellow at the Berkman Center for Internet and Society at Harvard. This includes an ideology that resists any efforts to impose rules or even goals like diversity, as well as a culture that may discourage women.

“It is ironic,” he said, “because I like these things — freedom, openness, egalitarian ideas — but I think to some extent they are compounding and hiding problems you might find in the real world.”

Adopting openness means being “open to very difficult, high-conflict people, even misogynists,” he said, “so you have to have a huge argument about whether there is the problem.” Mr. Reagle is also the author of “Good Faith Collaboration: The Culture of Wikipedia.” (…) But Catherine Orenstein, the founder and director of the OpEd Project, said many women lacked the confidence to put forth their views. “When you are a minority voice, you begin to doubt your own competencies,” she said.

Offene Gesellschaften schrecken Frauen ab? Frauen haben nicht genug Selbstvertrauen, um ihre Meinung zu sagen? Wenn ich in einer Debatte über Frauenquoten diese Sätze geschrieben hätte wäre ich ein sexistischer Mistkerl. Dieses Argument darf nur zugunsten von Frauen verwendet werden und ein Hinweis in einer Debatte in der dies nicht der Fall wäre wäre insofern unzulässig. Und Frauen als Minderheit? Sie sind die Mehrheit in der Bevölkerung. Und selbst wenn sie die Minderheit in Wikipedia sind, in Artikeln über Frauenschuhdesigner dürften sie wohl kaum auf eine Mehrheit an Männern stoßen.

Die Erklärung bei Spearhead überzeugt mich persönlich mehr:

There’s a reason women don’t generally contribute to Wikipedia, and it has little to do with sexism, “culture,” or lack of rules. The reason is, simply, that they don’t care. That’s right, it may be amazing to some people, but the overwhelming majority of women simply couldn’t care less about an online encyclopedia.

Dennoch scheint hier als Erklärung die Opferhaltung und die Diskriminierung das vorherrschende Thema zu sein.

Mir fällt dabei auf, dass sich dieses Prinzip eigentlich ganz gut in feministischer Terminologie ausdrücken lässt. Und zwar über den Privilegienbegriff.

In diesen eingeordnet würde sich das Folgende argumentieren lassen:

Frauen haben das Privileg, dass sie bei einer geringeren Beteiligung an bestimmten gesellschaftlichen Vorgängen stets darauf verweisen können, dass sie in diesem Bereich diskriminiert sind.

Sie müssen nicht darüber nachdenken, ob es ihre Schuld ist, ob ihre Wege weniger effektiv sind, ob Frauen ihre Einstellung ändern müssen, damit sie in einem Bereich mehr vertreten sind. Sie können vielmehr fordern, dass in diesem Bereich Maßnahmen ergriffen werden, die diesen Bereich angenehmer machen, wobei die Leistungsseite außer Betracht bleiben kann.

Genau diese Selbstverständlichkeit ist ja auch eines der Hauptkennzeichen des Privilegs. Dadurch, dass man nicht darüber nachdenken muss, was die eigentlich Ursachen sind und wie das eigene Verhalten mit hineinspielt zeigt sich gerade die Privilegierung. Gerade dies macht Privilegien ja auch so schwer zu erkennen.

Die Diskriminierungsdiskussionen machen deutlich, dass vielen Feministinnen oft erst noch stärker bewusst werden muss, dass sie privilegiert sind. Wie so oft in Bezug auf Diskriminierungen und Privilegierungen ist es auch hier so, dass die Diskriminierten eher als die Privilegierten die Strukturen erkennen und bekämpfen. Eine „Normalität“ zu erkennen ist schwerer, als zu erkennen, keinen Zutritt dazu zu haben. Ziel einer Politik muss also auch sein, Bewusstsein dafür zu schaffen, dass, wann und wie Frauen in unserer Gesellschaft privilegiert sind. Dabei ist es wichtig zu beachten, dass wir alle in diesen Herrschaftsverhältnissen gefangen sind. Auch wenn wir dagegen kämpfen, stecken Vorurteile und Verhaltensweisen in uns allen drin. Reflexion und Offenheit sind gefragt, um diesen schwierigen Prozess in Angriff zu nehmen. (Anleihen: Hier)

Da die Feministinnen nicht/nur schwer erkennen können, dass sie in diesem Bereich privilegiert sind, sollten sie sich dies von der Nichtprivilegierten Gruppe erklären lassen, die dies eben besser erkennt.

Aber das wäre ja dann wieder Mansplaining

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