Sexuelle Differenzierung des menschlichen Gehirns und männliches bzw. weibliches Verhalten

Der Abstract zu einem Beitrag von Herr Swaab mit dem Namen „Sexual Differentiation of the Human Brain and Male/Female Behaviour“ fasst eigentlich den Stand ganz gut zusammen:

Once the differentiation of our sexual organs into male or female is settled, the next thing to be differentiated is the brain. The difference in brain structures resulting from the interaction of sex hormones and developing brain cells, is thought to be the basis of sex differences in behaviour, in gender identity, in gender roles, in our sexual orientation (hetero-, bi- or homosexuality) and in the obvious sex differences in cognition and aggressive behaviour. Our sexual orientation is determined during early foetal development, under the influence of our genetic background and of factors that affect the complex interactions between sex hormones and the developing brain. Although it has often been postulated that postnatal development is also important for the direction of our sexual differentiation, any solid proof for this is lacking. The broadly accepted view on the importance of the social environment on sexual differentiation has been extensively put into words by Simone de Beauvoir and others. It turns out, however, that sex differences revealed through play, drawings and aggression are determined by exposure to hormones in the womb rather than by what society demands later on. The apparent impossibility to get someone to change their sexual orientation is a major argument against the importance of the social environment in the emergence of homosexuality, as well as against the idea that homosexuality is a lifestyle choice. Our sexual orientation is fixed during prenatal development and is beyond influencing in adulthood. Apparently, and despite the feminist ideals, we tend to choose what best fits our programmed (by natural sexual selection developed) brains. Our sexually differential brains will not lend themselves for a completely equal division of tasks between men and women in the family or on the labour market. There is great public interest in research of the brain and in research of our sexual behaviour, but the combination of these two subjects has turned out to be dynamite.

32 Gedanken zu “Sexuelle Differenzierung des menschlichen Gehirns und männliches bzw. weibliches Verhalten

  1. Christian, mich würde hier interessieren wie die Frontlinien von Feministinnen und lesbischen Aktivistinnen verläuft. Gleichstellungsfeministinnen verneinen ja die weithin erhobene Behauptung von Lesben- und Homosexuellenverbänden, dass die Geschlechtsorientierung, wie oben „naturalistisch“ beschrieben, angeboren sei. Mir scheint, dass man keine Gleichstellungsfeminsitin und Anhängerin der Queertheorie und im gleichen Atemzug für die These, dass die sexuelle Orientierung angeboren sei, sein kann. Eigentlich komisch, wenn man bedenkt, wieviele lesbische Frauen in der Queertheorie arbeiten. Die könnten alle morgen hetero werden?

    Wie verlaufen hier die Fronten?

    Ps. Ohmannohjens hat letztens auf eine neue Studie verwiesen, nach der nur ca. 33% der männlichen „Orientierung“ dem Pränatalen zugeschrieben werden kann so weit ich mich erinnern kann. Ich persönlich kann mir auch nicht vorstellen, dass die gesamte Tiefenpsychologie hier ganz falsch liegt, stellt sie doch, knapp an die Hälfte aller Therapierichtungen der ansässigen Psychologen. Es wäre auch evolutionsbiologisch irgendwie kontraintuitiv, wenn man bereits bei der Geburt so verstrickt wäre und hier nicht „dazulernen“ könnte. Dies wäre ein evolutionärer Nachteil. Mir persönlich scheint es eher einleuchtend zu sein, dass die heterosexuelle Orientierung so gut wie fixiert ist, eine große Präfalenz für die homosexuelle Orientierung ebenfalls angeboren ist, jedoch diese in einem für den homosexuellen Mann selbst als „positiv“ empfundenen Wandel, in bestimmten Situationen, durch was auch immer für welche Auslöser, kurzzeitig oder langfristig, verlassen werden kann. Ein Indiz dafür könnte sein, dass die Neigung zur Bisexualität eher bei sich bekennenden homosexuellen Männern zu finden ist. Dies ist hier nur meien Meinung! Also locker bleiben.

    • @Harald

      Ich denke, dass es sehr viele lesbische Gleichheitsfeministinnen gibt. Monique Wittig zB geht ja davon aus, dass man im Prinzip nur als Lesbe frei sein kann vom Patriarchat, weil schon die Bezeichnung „Frau“ nur in der Heterosexualität sinnvoll ist.
      Dadurch, dass das Lesbisch sein eine Entscheidung innerhalb der Ideologie ist, quasi eine Befreiung aus dem Patriarchat hat es ja auch einen gewissen Erweckungsmoment.

      Das „Problem“ der Umerziehung wird im Prinzip ausgeblendet, ich habe es auch schon ein paar mal angesprochen.

      „Es wäre auch evolutionsbiologisch irgendwie kontraintuitiv, wenn man bereits bei der Geburt so verstrickt wäre und hier nicht „dazulernen“ könnte.“

      Das kommt darauf an, in welchem Punkt. Bei der Geschlechtsidentität ist eine feste Vernetzung sehr sinnvoll. Und eine Vorgabe der wichtigsten Punkte auch. Zumal das System ja flexibele Komponenten hat. Wenn Männer beispielsweise Status wollen, dann ist es egal, ob sich der darin ausdrückt, dass man die meisten Muscheln, den größten Jagderfolg oder aber den größten Sportwagen fährt. Bei anderen Vorgängen ist es durchaus ähnlich.

      Psychologie und Psychatrie beeinflussen sich heute denke ich immer mehr. Um so deutlicher das Zusammenspiel der Hormone wird um so eher erfolgt in vielen Fällen auch eine medizinische Einstellung. „Dazulernen“ ist gerade bei gewissen konditionierten Ängsten oder Zwangsvorstellungen eine schwierige Sache. Man muss ja eher „entlernen“.

      Man kann sicherlich auch seine biologische Präferenz ausblenden. Viele Homosexuelle leben ja auch eine gewisse Zeit in heterosexuellen Beziehungen. Zumal die Übergänge auch da verschwimmen, ich verweise auf die Kinsey-Skala.

      „Dies ist hier nur meien Meinung! Also locker bleiben.“

      Sachliche Meinungen sind immer erwünscht. 🙂

  2. @ Harald

    Aber die ganze Tiefenpsychologie ist doch empirisch nicht abgesichert, angefangen bei Freud.
    Auch das ist Psychoreligion, Heilungserfolge bewegen sich im Rahmen des Medizinern sattsam bekannten Placeboeffektbereich.

    Darum sind die Politreligion Marxismus (empirische Absicherung: phänomenal widerlegt, kümmert die Gläubigen aber auch nicht, siehe Lötzsch, sie verheißen uns neue Versuche, 100 Mio. Tote waren noch nicht genug Aufwand) und die Psychoreligion Freudianismus im Gleichheitsfeminismus so erfolgreich verschwisterbar zur Genderreligion des Genderismus.

    Was kümmern mich Fakten, wenn ich spekulieren kann?

    • @Roslin

      Ich denke auch in dem Bereich wurde viel Schindluder (aus Unwissenheit) betrieben. Es gibt sicherlich Anwendungsfälle, einige Leute haben sich auch so tief in ein negatives Netz verstickt, dass sie da alleine nicht mehr rauskommen. Aber viele geistige Erkrankungen haben eben auch biologische Ursachen.

      Freuds Grundgedanken überzeugen mich auch nicht sehr. Allerdings habe ich da auch noch nichts tieferes zu gelesen.

  3. @ Alexander Roslin
    Das sehe ich anders. Gerade die Gehirnforschung hat ja mehrere Aspekte aus der Freud’schen Theorie bestätigt. Ich kann hier nur auf einen Vortrag von Hans J. Markowitsch: Freuds Comeback – Wie die Hirnforschung die Psychoanalyse bestätigt, verweisen.

    Aber Sie haben natürlich auch Recht, wenn Sie schwer oder gar nicht falsi- oder verifizierbare Aussagen derselben kritisieren – das tat meines Wissens schon Popper richtiger Weise, in dem er auf Schutzmechanismen innerhalb der einzelnen Theorien verwies; nach dem Schema: Widerspruch ist Verdrängung. Ich persönlich halte die heutige Psychologie oftmals für auch nur ein Politikum nicht mehr und nicht weniger. Ich glaube jedoch auch nicht, darum meine obige Anführung, dass die Ontogenese des Menschen überhaupt keinen Einfluss auf seine sexuellen Vorlieben seine Orientierung haben soll, dafür gibt es zu viele Studien. Und seien wir ehrlich, Freud, Adler etc. waren ja auch keine Idioten.

    • @ Haarald

      Ich kenne Markowitz nicht.

      Wie ist es ihm denn gelungen, empirisch nachzuweisen, dass die sexuelle Orientierung mittels Inzestverbot und Ödipuskomplex gesteuert wird und nicht via genetischem Bauplan, Hormoneinfluß und sich so entwickelnder fester Verdrahtung in der glibbrigen „Hardware“ des Gehirns?

      • Ach, dass ich das noch erleben darf. Ich und Alexander Roslin sind einer Meinung.

        Christian hats schon angesprochen, ich würde es gerne auch noch mal betonen. Niemand ist fast ausschliesslich Gyne- oder Androphil. Und da setzt dann gewissermassen die psychologische Seite an. Plötzlich verliebt sich z.B. jemand entgegen dem, was er bislang von sich gewohnt war (geht in beide Richtungen) und ist völlig Baff, spricht vom Wechsel seiner sexuellen Orientierung. Oder trauma / politische Überzeugung, ja sogar gesellschaftliche Überzeugung sorgt dafür, dass man die Lust an einem Geschlecht unterdrückt.
        Der Punkt ist, die eigentliche, angeborene, sexuelle Orientierung verändert sich nicht, nur, wie damit umgegangen wird.

      • Na ja, empirisch „nachgewiesen“ ist die sexuelle Orientierung via genetischem Bauplan etc. ja auch noch nicht. Wir befinden uns hier im Bereich einer Theorie unter mehreren, die Einiges für sich hat. Wenn wir von „empirisch“ sprechen, müssen wir dazu sagen, dass eine Theorie niemals an sich wahr sein kann sondern nur nicht-falsifiziert. Sogesehen können wir uns ev. nur der Wahrheit annähern, im Popper’schen Sinne, was wiederum die Frage aufwirft, ob es denn möglich sein kann, dass eine Theorie, mit diametral entgegengesetztem Aussagegehalt eine andere, etablierte Theorie im Zuge einer wissenschaftlichen Revolution (Paradigmenwechsel) – keiner politischen! – ablösen kann. Wäre dies möglich, würden wir uns auch der Wahrheit nicht annähern.

        Meines Wissens ist jedenfalls ihre Behauptung „genetische Bauplan etc.“ nicht konsensual – der kleinste gemeinsame Nenner – unter den Wissenschaftern. Konsensual ist ein multikausales Modell der Entstehung einer sexuellen Orientierung, d.h. Genetik, Hormonaleinflüsse, Sozialisierung.

        Mir erscheint jedoch, dass (früh)kindliche Einflüsse natürlich! auch prägend sein können auf die Geschlechtsausrichtung. Weisen doch nicht wenige Misshandlungsfälle darauf hin, dass z.B. heterosexuell orientierte Jungen nach einem sexuellen Übergriff auch zur Homo- und oder Bisexualität neigten.

        Die Frage ist natürlich, ob diese Jungen davor schon diese Orientierungen „verschaltet“ hatten oder nicht. Darüber lässt sich trefflich streiten.

      • Hallo Haarald

        Ich habe keine Sekunde behauptet, es gebe ein Gay-Gene. Was ich aber ganz frech behaupte ist, dass es einen zusammenhang zwischen Grösse und Neuronendichte des INAH3 gibt, der durch das Pränatale Hormonmilleu beinflusst wird.

        > dass z.B. heterosexuell orientierte Jungen nach einem sexuellen Übergriff auch zur Homo- und oder Bisexualität neigten.

        Und gerade das habe ich ja in meinem Kommentar erleutert.

    • @Haarald

      Zu Markowitsch:
      Ich habe das hier gefunden:

      Eben dort, wo die Aussagekraft von Computertomographien erschöpft ist, scheint ein Teil der Forscher zu den konventionellen Methoden der Psychoanalyse zurückzukehren. In vielen Bereichen haben sich Freuds Konzepte zudem als richtig erwiesen. So hat die Säuglingsforschung die fundamentale Bedeutung der frühen Kindheit nachgewiesen – eines der Kernthemen des berühmten Analytikers. Hirnforscher erklären heute, worin die von Freud definierte „infantile Amnesie“, das Vergessen der frühesten Kindheitsereignisse, begründet ist. Neurobiologen entdecken den Dopamin-Schaltkreis, das sogenannte Belohnungs- und Suchsystem, welches große Ähnlichkeit mit der von Freud beschriebenen Libido aufweist.

      Auch eine interessante Besprechung ist hier zu finden:

      http://www.fischer-welt.de/ethik/schlafforschung_und_traumdeutung/traumdeutung_und_neuropsychologie/

      Ich denke, dass Markowitsch es eher so sieht, dass einige Konzepte durchaus etwas dran ist, aber die Herleitungen von Freud dann wieder eine andere Sache sind. Es werden also eher bestimmte Ergebnisse bestätigt.
      Den von dir genannten Artikel habe ich allerdings nicht im Netz gefunden.

    • @sarahblogging

      Danke, habe es korrigiert.

      Ist glaube ich gar nicht so selten gewesen, weil die Leute ihr Weltbild gefährdet sahen. Noch heute sind biologische Erklärungen ja für viele ein rotes Tuch. Weil es die Handlungsfreiheit einschränkt und einen an dem errichten einer besseren Gesellschaft hindert.
      Traurig, denn die Forschung bestätigt diese Vorgänge ja mehr und mehr.

  4. @ sarahblogging

    „Was ich aber ganz frech behaupte ist, dass es einen zusammenhang zwischen Grösse und Neuronendichte des INAH3 gibt, der durch das Pränatale Hormonmilleu beinflusst wird.“

    Das akzeptiere ich.
    „Und gerade das habe ich ja in meinem Kommentar erleutert.“

    Wie gesagt, darüber lässt sich trefflich streiten. Ob durch diese Misshandlungen erst die wahre, von der Gesellschaft unterdrückte Sexualität zum Vorschein kam – um dies überspitzt zu formulieren oder ob durch bestimmte Ereignisse in der frühkindlichen Phase eine „Prägung“ stattgefunden hat, welche die Teilveranlagung überlagert dann überlagert.

    Wie gesagt, ich weiß es auch nicht – wie auch. Ich tendiere momentan zu einem multikausalen Modell, wobei ich der Meinung bin, dass prozentual eine höhere Vorveranlagung für Heterosexualität besteht als für die anderen Orientierungen.

    Ich persönlich habe mich immer als heterosexuell empfunden, weiß allerdings nicht, was passiert wäre, wenn ich schon sehr früh anderweitige Erfahrungen gemacht hätte. Ob dann ein homosexuelles Empfinden meine eigentliche Orientierung nur verdecken würde, keine Ahnung.

    • @Haarald

      Es ist denke ich auch wichtig sich den „Sinn“ der sexuellen Orientierung bewusst zu machen. Nämlich mit dem Partner Sex haben zu wollen, mit dem Mann Nachkommen zeugen kann.
      Die sexuelle Orientierung ist bei Tieren, die sich geschlechtlich fortpflanzen eine recht wichtige Sache. Es wäre merkwürdig, wenn sie nicht in irgendeiner Form biologisch festgelegt wäre. Zumal wir Menschen auch ansonsten Anzeichen für sexuelle Selektion zeigen, die aber nur dann möglich ist, wenn Attraktivitätsmerkmale vererbbar sind.

      • @Haarald

        Da wird es in der Tat etwas komplizierter, aber der von mir dagelegte Gedanke ist erst einmal der Grundsatz.

        Es gibt nun viele Gründe dafür warum eine Abweichung entstehen kann.
        Einer ist, dass etwas falsch läuft, das System ist in der Steuerung über Testosteron zwar grundsätzlich einfach, aber wenn ein Fehler auftritt, dann kann es eben dennoch schief gehen
        Es kann die Testosteronmenge zu niedrig bzw. zu hoch (bei AGS-Mädchen) sein oder nicht erkannt werden (wie bei CAIS).

        Diese Umstände können auch bestimmte Vorteile haben, etwas für die mitochondriale DNA, unter dem Gesichtspunkt der Verwandtenselektion oder auch einfach für Gene auf dem X-Chromosom. Es kann auch ein Nebenprodukt des „Kampfes“ zwischen den Interessen der Mutter (die Möglichkeit erhalten auch andere Kinder nach diesem zu bekommen) und den Interessen des Fötus (soviel wie möglich aus der Mutter herausholen um stark zu werden) sein, was bei der „Birth Order“ Theory von einigen vermutet wird (Spätere Jungen sind eher schwul, weil die Mutter in vorherigen Geburten bestimmte Antikörper gebildet hat)

        Eine erste Übersicht gibt es auf der Wikipedia:
        http://en.wikipedia.org/wiki/Biology_and_sexual_orientation

      • Selbst Evolutionärpsychilogisch, wobei ich von dieser Disziplin an sich nicht viel halte, macht es Sinn, wenn ein gewisser Anteil der Personen nicht an „fortpflanzungsförderndem“ Sex interessiert ist. Man darf dabei eben nicht aus den Augen verlieren, dass Grossfamillie / Sippe das natürliche Modell ist und nicht die sogenannte Atomare Famillie, wie sie sich durch das Bürgertum etabliert hat.

        Eine andere oder flexiblere sexuelle Orientierung als „Störung“ zu bezeichnen, finde ich im Prinzip weit her geholt. Briefmarkensammeln ist werder gesellschaftlich Produktiv noch besonders weit verbreitet. Deswegen wirft aber noch niemand Philatelisten eine Störung vor.

        Und gerade was die sexuelle Orientierung betrifft, sollte man vielleicht in einer Diskussion wie dieser lieber von Gynephil und Androphil sprechen. Nur mal so als Beispiel, was wäre bei den oben genannten IS Konditionen nun die Homosexuelle, was die Heterosexuelle Ausrichtung, wenn das Bezugsgeschlecht der Person gar nicht so eindeutig ist?

  5. „Selbst Evolutionärpsychilogisch, wobei ich von dieser Disziplin an sich nicht viel halte,

    man muss da sicherlich etwas die Spreu vom Weizen trennen, es wird insbesondere gerne zu einfach dargestellt, aber letztendlich muss man sich bewusst machen, dass alles in der Biologie nur dann einen Sinn macht, wenn man es im Lichte der Evolution betrachtet. Unter anderem weil es eben auf diese Art entstanden sein muss.
    ich wünschte Butler und andere würden etwas mehr über Evolution nachdenken, dann würden sie einsehen, dass einige ihrer Ideen so einfach nicht klappen können.

    „macht es Sinn, wenn ein gewisser Anteil der Personen nicht an „fortpflanzungsförderndem“ Sex interessiert ist.“

    Es macht nur dann Sinn, wenn der Nachteil für die Gene in diesen Einzelpersonen durch andere Vorteile bei Verwandten ausgeglichen wird, eben über die Verwandtenselektion. Da kann es aber durchaus eine Rolle spielen.
    Andererseits kann auch ein „fehleranfälliges System“ Vorteile bieten, wenn die Fehlerrate kleiner ist als der Aufwand, der für ein weniger fehleranfälliges System betrieben werden müsste. Vielleicht war insbesondere auch eine gewisse Normverteilung der Geschlechtercharakteristika vorteilhaft und die „Abweichungen in den Bereich, der eine Fortpflanzung stark behindert“ war im Verhältnis weniger nachteilhaft.
    Zudem eben auch der Vorteil für einige Gene, die an Töchter vererbt werden.

    „Man darf dabei eben nicht aus den Augen verlieren, dass Grossfamillie / Sippe das natürliche Modell ist und nicht die sogenannte Atomare Famillie, wie sie sich durch das Bürgertum etabliert hat.“

    Mich kann Gruppenselektion nicht überzeugen, allerdings eine weit gefasste Verwandtenselektion durchaus.
    Die Tiere, die ihre Fortpflanzungsfähigkeit im größeren Umfang aufgeben haben ja üblicherweise einen sehr hohen Verwandtengrad, der dann Altruismus wesentlich sinnvoller macht (aus Sicht der Gene).

    „Eine andere oder flexiblere sexuelle Orientierung als „Störung“ zu bezeichnen, finde ich im Prinzip weit her geholt.“

    Das ist sicherlich eine schwierige Abgrenzung. Es ist zumindest eine Abweichung vom Normalverlauf, der seine biologischen Ursachen hat. Ob er dann tatsächlich einen Vorteil gebracht hat wäre eine andere Frage. Es muss, wie oben dargestellt, nicht unbedingt der Fall gewesen sein, der Nachteil kann auch einfach relativ klein gewesen sein. Ob das dann politisch korrekt ist, ist wieder eine andere Frage.

    „Briefmarkensammeln ist werder gesellschaftlich Produktiv noch besonders weit verbreitet. Deswegen wirft aber noch niemand Philatelisten eine Störung vor.“

    Wenn sie einen biologisch bedingten überaus starken Sammeltrieb haben, dann wäre ich mir da nicht so sicher. Aber ich verstehe, was du meinst. Es muss aber dennoch zulässig sein, eine biologische Abweichung von der normalen Entwicklung der Geschlechteridentität auch (wertfrei) als solche zu bezeichnen.

    „Und gerade was die sexuelle Orientierung betrifft, sollte man vielleicht in einer Diskussion wie dieser lieber von Gynephil und Androphil sprechen.“

    Ich sehe die Schwierigkeiten. Aber „phil“ als Endung scheint mir da auch nicht recht zu passen. Werde es aber mal ausprobieren, wenn der Bedarf besteht.

      • @sarahblogging

        Verstehe gerade deine Frage nicht so recht?

        Bezieht es sich auf diesen Satz?:
        „Es muss aber dennoch zulässig sein, eine biologische Abweichung von der normalen Entwicklung der Geschlechteridentität auch (wertfrei) als solche zu bezeichnen.“

        Weil Geschlecht eben in der Außenwahrnehmung nach dem Körper beurteilt wird, weil wir auf die entsprechenden Reize, die dieser Körper aussendet, reagieren. Wir nehmen jemanden als Frau wahr, wenn dieser weiblich aussieht, was ja auch ein Grund dafür ist, dass CAIS-Personen, die man ja unter Berücksichtigung des Y-Chromosoms auch gut dem männlichen Geschlecht zuordnen könnte, meines Wissens nach überall auf der Welt heiraten dürfen.
        Dass dies bei Transsexuellen aufgrund ihrer Eigenwahrnehmung auf Widerstand stößt kann ich nachvollziehen. Aber das ändert nichts daran, dass wir instinktiv erst einmal jeden nach seinem Körper bewerten. Gerade das macht denke ich im intersexuellen und transsexuellen Bereich das Problem aus, dass nicht kleiner wird, wenn man es wegdefiniert.

      • Die von Money gestartete Gendertheorie stimmt dir dabei voll und ganz zu. So wurde dann die chirurgische Zuweisung von Zwitterkindern zurechtrationalisiert. Die Erwartungshaltung andere bestimmt dein Geschlechtsempfinden.

        Nur funktioniert das ganze nicht. Die einzige Referenz ist die Person selber und jemanden in die falsche Pubertät zu zwingen macht ihn nicht mehr zu mann oder Frau. Und eben das trifft ja gerade auf transsexuelle Kinder genauso zu, wie auf Intersexuelle.

        Natürlich ist aus transsexueller Sicht das ganze ein doppelter Schlag. Erst wird man durch unterlasse Hilfeleistung mit falschen Sekundären Geschlechtsmerkmalen zusätzlich verstümmelt und dann anhand dieser noch für „Unwürdig“ erklärt?

        Der nächste Punkt ist, was du unter Phänotyp verstehst? Die Länge des Klitoris/Penis genannten Organs oder das, anhand dessen wirklich jeder die Person gegenüber einem Geschlecht zuweist?

        Punkt ist, dass der einzig verlässliche Faktor von Geschlecht, auf den alle anderen in Bezug gesetzt werden müssen, die Geschlechtsidentität ist. Eine Geschlechtsidentität kann also gar nicht gestört sein.

      • @sarablogging

        Ich sehe da schon einen deutlichen Unterschied:
        Nur weil man sich nicht von einer Bewertung nach dem Phänotyp freimachen kann bedeutet das nicht, dass man dann auch eine Anpassung an den Phänotyp vornehmen muss.

        Es wird meiner Meinung nach immer eine Differenz zwischen dem Phänotyp und dem Gehirngeschlecht geben und diese wird auch wahrgenommen werden. Bei deiner Auffassung könnte ich dir ansonsten ja auch vorhalten, dass dann Geschlechtsanpassungen für Transsexuelle sinnlos wären (und damit nicht von einer Krankenkasse zu zahlen wären) weil es ja nur auf das Gehirngeschlecht ankommt. Das wäre auch eine einseitige Sicht.

        Und wo zauberst du jetzt schon wieder das Wort „unwürdig“ her? Es kommt in meinem Beitrag nicht einmal ansatzweise her.

        Mir geht es darum, dass man sich nicht einfach von der Wirkung des Körpers freimachen kann und man ja auch den Leuten erst recht nicht in den Kopf schauen kann.

        Ich denke nicht, dass man den Körper zwanghaft anpassen soll. Aber man sollte auch nicht erwarten, dass Leute einen nicht nach dem Körper bewerten.
        Wir werden wohl einfach mit der Abweichung von Gehirngeschlecht und Phänotyp leben müssen – eine geschlechtsfreie Gesellschaft ist meiner Meinung nach Utopie.

      • @sarahblogging

        Meinst du diesen Dialog:
        https://allesevolution.wordpress.com/2010/12/10/wann-ist-ein-mann-eine-frau-ein-mann-eine-frau/#comment-3248

        Im Allgemeinen hat die Sehnsucht nach einem Restkörper mit dem richigen Geschlecht allerdings einen klaren Ursprung in der Bodymap:“

        Und du meinst, dass das andere nicht auch hineinspielt?

        Den Phantompenis finde ich übrigens ein sehr anschauliches Beispiel. kann ich mir auch gut vorstellen, dass da die passenden Verbindungen teilweise gewachsen sind und es sich ähnlich wie bei einer Amputation auswirkt.

        Oder hatten wir vorher schon was über Bodymap?

  6. „Es muss aber dennoch zulässig sein, eine biologische Abweichung von der normalen Entwicklung der Geschlechteridentität auch (wertfrei) als solche zu bezeichnen.“

    Genau so sehe ich das auch! Die Gegenargumentation führt letztlich zur Gegenüberstellung von GM, Queertheorie und Evolutionstheorie. Wenn man in der Evolutionstheorie Sexualität nicht mehr mit Fortpflanzung verknüpfen darf, weil sich jemand dadurch angepisst fühlen könnte, haben wir ein großes Problem.

    Mich überrascht immer wieder, warum es ein so großes Problem sein soll, bestimmte Verhaltensweisen als „nicht normal“ einstufen zu können. Es ist nicht normal (wertfrei gesprochen in bezug auf die Mehrheit, und auch das müsste man normalerweise nicht dazusagen) homosexuell, bisexuell zu sein, 100 Meter in 11 Sekunden zu laufen, mit 30 1 Million auf dem Konto zu haben oder was weiß ich.

    Ich glaube, wenn die absolute Akzeptanz erreicht wäre, hätten viele Menschen trotzdem noch ein Problem, welches dann halt nicht mehr projezierbar wäre auf die Außenwelt. Vielleicht kommt die negativ besetzte Anormalität ja auch von einem selber und nicht immer vom Umfeld.

  7. Ich muss sagen ich bin auch nicht in der Lage, mir Sexualität ganz unabhängig von Fortpflanzung zu erklären. Warum treten Menschen (normalerweise) in zwei Geschlechtern auf, wenn dies nicht einen Selektionsvorteil bietet?

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