Feminismus: Philosophie vs Wissenschaft

Ich hatte angeführt, dass man, um einen modernen Feminismus zu erhalten, die dortigen Theorien aus der Philosophie herauslösen müsste und der Medizin/Biologie zurechnen müßte. El Mocho schrieb dazu in einem Kommentar

Wenn man die Gender Studies aus der Philosophie ausgliedert und mehr der Medizin/Biologie unterstellt, sind sie am Ende, denn sie können den naturwissenschaftlichen Erkenntnisstandards nicht genügen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht sind Gender Studies schlicht Voodoo

Ich denke auch, dass viele der Denkgerüste des theoretischen Feminismus nur als Philosophie bestehen können. Sie sind letztendlich genau das, was der Feminismus häufig der Biologie vorwirft: Just so Geschichten.

Was würde neu werden, wenn man die Umordnung unter eine naturwissenschaftlichere Betrachtung vornehmen würde?

Ich denke es wären diese wesentlichen Änderungen:

  • Einordnung der medizinischen und biologischen Erkenntnisse wie Wirkung der Hormone etc
  • Überprüfung anhand von Experimenten und Studien
  • Genauere Abgleichungen der Theorien untereinander

Natürlich wäre eines der Hauptprobleme, dass ein Studium dieser Theorien plötzlich mit neuem Stoff aus fachfremden Bereichen konfrontiert wäre. Butler müsste sich fragen lassen, wie ihre Theorie sich mit sexueller Selektion und diversen Erbkrankheiten in Einklang bringen lässt. Bei der Frage, warum mehr Männer als Frauen in Führungsjobs sind müsste man sich nicht mehr nur mit dem philosophischen Konzept der Privilegierung beschäftigen, sondern zunächst über Statistiken und Umfragen darlegen, was Frauen eigentlich wollen, wie die Faktoren Ausbildung, Wunsch zur Kindererziehung, Toleranz der Berufsaufgabe durch den Mann etc mit gewertet werden. Es müsste konkret dargelegt werden, wie die Privilegien sich auswirken und wie sie entstehen und es müssten Studien erdacht werden, mit deren Hilfe man diese Thesen überprüfen könnte. Es müsste für eine Behauptung auch die Gegenthese aufgestellt werden, also zB wenn man von einer Privilegierung des Mannes ausgeht auch die Vorteile der Frau und die Nachteile des Mannes aufgelistet werden um dann aus diesen Unterlagen eine Schlußfolgerung zu ziehen (Beuavoir zB macht sich die Lage des Mannes teilweise überhaupt nicht bewusst).

Teilweise wird dies ja alles schon gemacht. Allerdings findet man solche Auswertungen zB bei Beauvoir und Butler nicht.

Es wäre eine interessante Neubetrachtung. Was meint ihr: Würden sich wesentliche Neuerungen ergeben? In welche Richtung?

22 Gedanken zu “Feminismus: Philosophie vs Wissenschaft

  1. http://de.wikipedia.org/wiki/Gender

    Wenn Gender das soziale oder psychologische Geschlecht einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen Geschlecht bezeichnet, wie willst du dieses aus eben dem soziologischen, bzw philosophischem Kontext rauslösen?
    Ausserdem würde ich Gender Studies eher zu den Geistes- oder Gesellschaftswissenschaften zählen als zu den Naturwissenschaften.
    Insofern macht eine Trennung Sinn

  2. Der Erfolg von GM und der Genderdebatte liegt ja gerade darin, im Halbdunkel fern der Realität der Mitte der Menschen zu agieren. Wüsste der Durchschnittsmensch, um was es sich dabei handelt, würde er/sie es ablehnen. Man sieht ja das Beispiel von Dissens. Und immer wieder die Bemühung Homosexualität und Transgenderdiskriminierung miteinzubringen ist das Papier nicht wert, auf dem sie des Öfteren fabriziert wird. Führende Feministinnen lehnen das Männliche in generi ab.

    Ich kenne aus meiner Tätigkeit im sozialen Bereich heraus keinen homosexuellen Mann, der sich nicht als Mann sieht oder als Mann bezeichnet. Somit müssen ca. 99,98 % der Männer (in Bezug zu Transgendern) und weit über 99% der Frauen „umerzogen“ werden.

    Des Weiteren verstößt GM gegen die ureigensten Erkenntnisse der Postmoderne, darum wird ja auch deutlich, dass der Diskurs im Halbdunkel der Halböffentlichkeit bestimmt werden muss, denn absolute Wahrheitsansprüche gibt es ja bekanntlich nicht mehr – somit bleibt alles letztlich eine Frage der Macht, der eigenen Ideologie.

    Somit ist ersichtlich, warum es niemals ein Bestreben geben wird hier zB. statistische oder hirnphysiologische Untersuchungen miteinzubeziehen.

    Das Problem auf den Punkt gebracht: Es geht um die Zerstörung der heterosexuellen Norm – nichts einzuwenden für homo- bisexuell veranlagte Menschen – für die heterosexuell veranlagten Menschen. Und genau das ist das Problem. Um Toleranz geht es schon lange nicht mehr.

    Wir sind ja schon in der dritten Phase des Feminismus, im Kampf um die Körperlichkeit.

    Dh. Ich diskriminiere eine Frau schon dadurch, dass ich 1.82 m groß bin und eine Frau in der Regel eben nicht.

    So und jetzt könnt ihr euch erbosen, was ich doch für ein Nazi bin und wie dumm, das interessiert mich alles nicht.

  3. @Maren

    Gender Studies gehen davon aus, dass soziales/psychisches Geschlecht und biologisches Geschlecht völlig voneinander unabhängige Größen sind, dass die Psyche/soziale Rolle allein kulturell-willkürlich bestimmt wird und somit auch kulturell-willkürlich in fast beliebiger Weise änderbar ist.

    Das ist in meinen Augen ihr großer, fataler Irrtum.

    Der Mensch ist zwar ziemlich frei, zu tun, was er will, aber nicht völlig frei, zu wollen, was er will.
    Und hier, bei dem, was er will, spielt die Evolution der Geschlechter, ihre Geschlechtsnatur, ihre Biologie hinein, die von Genderisten als inexistent angesehen wird.

    Aber der Mensch ist ein Säugetier, Säugetiere verfügen über instinktive Verhaltenssteuerungen, Hormone sind wirksame Psychopharmaka, die Gene beeinflussen den Auf-und Ausbau unserer Hirnanatomie.

    Die Hirne von Männern und Frauen unterscheiden sich in einigen Punkten, auf der Basis großer Gemeinsamkeiten.

    Es ist eine pure Behauptung, der Mensch, der über all die hirnanatomischen Strukturen verfügt, in denen die Instinktsteuerung eines Säugetieres verortet ist, zeige als Mann und Frau nur deshalb ein unterschiedliches Verhalten, weil Jungen und Mädchen unterschiedlich sozialisiert würden.

    Viel wahrscheinlicher scheint mir, dass Jungen und Mädchen, die sich ja zu nicht geringem Teil auch selbst sozialisieren, die aktive Agenten ihrer Sozialisation, nicht nur passive Objekte derselben sind, die von allem Anfang an einen eigenen Willen zeigen, ein eigenes Wollen, deshalb unterschiedlich sozialisiert werden, weil sie von Anfang an ein im Schnitt unterschiedliches Verhalten zeigen, ihren Müttern und Vätern geschlechtstypisch unterschiedliche Verhaltensangebote machen, auf die die wiederum geschlechtstypisch unterschiedlich, instinktiv disponiert unterschiedlich, reagieren, als Mann und Frau.

    Nichts spricht dafür, dass die Hirnbestandteile, in denen Säugetiere ihre Instinkte verwalten bzw. diese jene verwalten, funktionslos geworden wären.

    Wären sie es, der evolutionäre Prozess hätte längst für ihren Rück-/Abbau gesorgt, für ihr Verschwinden.

    Denn sie aufzubauen ist unerhört aufwendig und die Natur geht mit ihren Mitteln äußerst sparsam um.

    Wenn sie also nicht eingespart wurden, ist davon auszugehen, dass sie nach wie vor für uns äußerst wichtige Aufgaben erfüllen.

    In der ganzen Säugetierwelt verhalten sich nun Männchen instinktiv anders als Weibchen, Hengste anders als Stuten, Stiere anders als Kühe, Rüden anders als Hündinnen, Kater anders als Katzen usw., ein Instinktverhalten, dass natürlich auch Folgen für die „soziale“ Rolle hat, die sie erfüllen, etwa bei der Brutpflege, beim Werbeverhalten, bei der Revierverteidigung, Ressourcenbeschaffung usw.

    Und ausgerechnet beim Menschen soll all das plötzlich ganz anders sein, dem Menschen, der aus der Tierwelt bruchlos-allmählich herausgewachsen ist, den kein scharfer Schnitt eindeutig vom Tier scheidet?

    Er ist freier als ein Tier, seine Instinkte disponieren ihn nur noch, determinieren ihn nicht mehr.

    Wie sehr viel freier als ein Tier er ist, darüber kann man streiten.
    Wie sehr der freie Wille unseres Neocortex die Grundströmung unserer disponierenden, Richtungen vorgebenden „Tierinstinkte“ überformen kann, verändern kann, darüber könnte man streiten.

    Aber Genderstudies lehnen jede Diskussion über biologische Einflüsse auf Rollenwahl/Psyche/Verhalten ab.

    Stempeln solche Überlegungen zu „Biologismus“ und glauben wohl, damit sei irgendetwas widerlegt, verzichten darauf, empirische Belege für ihre Hypothesen mit statistischen Methoden zu evaluieren.

    All unser Wollen/Streben/ Verhalten habe nichts mit unserer Natur als Mann/Frau zu tun, behaupten sie, ja, es gäbe sie nicht einmal, die männliche/weibliche Natur in Psyche und Verhalten.

    Alle Verhaltensunterschiede seien nur anerzogen/ansozialisiert und damit auch, bei Änderung der Kultur, hinwegzusozialisierbar.

    Sie interpretieren kulturelle Phänomene völlig unabhängig von der Geschlechterbiologie, behaupten, die Biologie habe keinen Einfluß auf Kultur/soziale Rolle, wollen nur einen Einfluß der Kultur auf unser Verhalten anerkennen, nicht aber das Umgekehrte.

    Behaupten in extremis (Butler) sogar, die Kultur bringe unsere Biologie als Geschlechterwesen hervor, als sei de Kultur das Vorgängige/Vorrangige, nicht die Biologie, als sei der Mensch quasi zuerst Kulturwesen gewesen und nicht als Naturwesen zur Kultur emporgewachsen, die er sich, AUS DER NATUR KOMMEND, doch erst nachgängig schuf.

    Weshalb es viel plausibler ist, davon auszugehen, dass Kultur Ausdruck der Natur auf gesellschaftlicher Ebene ist, nicht umgekehrt.

  4. @Maren

    Bei der Entstehung des „sozialen Geschlechts“ oder „Gehirngeschlechts“ ist nach meiner Auffassung auch eine Menge Biologie involviert.

    Die deutsche Wikipedia ist da noch sehr zurückhaltend, die englische etwas ausführlicher:

    Gender Identity: Sexual Differentiation and Neurobiology
    http://en.wikipedia.org/wiki/Gender_identity#Sexual_differentiation_and_neurobiology

    Genetics of Gender
    http://en.wikipedia.org/wiki/Genetics_of_gender

    Prenatal Hormons and sexual Orientation
    http://en.wikipedia.org/wiki/Prenatal_hormones_and_sexual_orientation

    All diese Aspekte, die recht gut erforscht sind, werden, obwohl zentral für das Mann-Frau-Gender Thema in der Philosophischen Gender Forschung ausgeblendet.
    Ein beliebtes Argument ist, dass man es nicht beweisen kann, weil kein Mensch frei von der Gesellschaft ist und Menschenexperimente unzulässig sind. Der Rückschluss, dass man es, weil es nach dieser Meinung nicht zu beweisen ist, auch gar nicht erst als Möglichkeit aufnehmen muss, ist allerdings nicht logisch und auch nicht wissenschaftlich.
    Das Argument ist auch falsch, denn zum einen stellt die Natur über genetische Erkrankungen unfreiwillige „Forschungsgruppen“ zur Verfügung wie Intersexuelle und Transsexuelle und diverse andere Generkrankungen. Zum anderen hat man eben, ähnlich wie bei den Contergan-Fällen einige unabsichtliche Forschungen mit neuen Medikamenten gemacht, die dies auch bestätigen, zumal das Modell am Tier auch gut nachzuweisen ist.

    In der (reinen) Philosophie kann man die richtige Lösung nicht finden, weil man dazu die biologischen Grundlagen verstehen muss. Vielleicht müsste es wirklich ein Fach sein, dass zwischen den Disziplinen steht und von beiden Seiten Wissen heranzieht.

    @Roslin

    Ja, unsere tierische Vergangenheit ist nicht so leicht abzuschütteln. Es muss insbesondere bedacht werden, dass Evolution immer nur in sehr kleinen Schritten arbeiten kann, dass im „laufenden Betrieb“ und zudem immer auf dem Alten aufbauend, da nicht einfach etwas „neu erschaffen“ werden kann. Das Gehirn ist daher teilweise einfach um neue Module erweitert worden, die höheres Denken zulassen, aber die alten sind dabei nicht verschwunden.
    Das Stammhirn zB oder das Zwischenhirn haben zB recht grundlegende Funktionen wie Schlafen, Fressen, Fortfplanzen und regeln dies nach wie vor über Hormone etc.

  5. @ Christian

    „Die deutsche Wikipedia ist da noch sehr zurückhaltend, die englische etwas ausführlicher:“

    Die deutsche Wikipedia ist in ideologisch heftig umkämpften Fragen oft einseitig.

    Dort dominieren sehr viel mehr als in der englischen die Ansichten der Insassen linker Wohnküchenkollektive mit starken Überzeugungen und viel Zeit, diese in der Wikipedia durchzusetzen.

    So ist zB. das meiste zum Lemma „IQ“ (Erblichkeit, Gruppenunterschiede etc.) schlicht unbrauchbar, entspricht nicht dem Stand der IQ-Forschung, sondern dem Wunschdenken politisch Korrekter.

    Ich benutze deshalb die deutsche Wikipedia nur noch, wenn ich mich über „harmlose“, politisch unumstrittene Themen informieren will, für die sich die Wohnküchenkollektive nicht interessieren, die sie nicht in ihrem Sinne verderben.

    Die englische ist viel objektiver, was wohl am umfangreicheren englischen Sprachraum liegt, der radikale Gruppen „verwässert“, auch nicht das spezifisch deutsche, stark ideologisch geprägte rot-grüne Milieu in dieser Stärke kennt, nicht den aus falsch verstandenem Antinazismus geborenen, spezifisch deutschen Antibiologismus, der glaubt, durch Bekämpfung wissenschaftlich unabweisbarer, empirisch evidenter „biologistischer“ Fakten den Rechtsradikalismus bekämpfen zu können.

  6. @Maren

    „Ausserdem würde ich Gender Studies eher zu den Geistes- oder Gesellschaftswissenschaften zählen als zu den Naturwissenschaften. Insofern macht eine Trennung Sinn.“

    Das ist an sich OK, aber die Gender (Queer-) Studies machen Aussagen über biologische Themen, bzw. über Themen, bei denen Biologie eine Rolle spielt, ohne sich an die wissenschaftlichen Standards zu halten, und begründen dass mit ideologischem Verdacht („Biologismus = Faschismus“). Man müsste zumindest überzeugende Argumente dafür bieten, dass irgendwelche Diskurstheorien o.ä. zu besser begründeten Ergebnissen führen, als die Naturwissenschaften.

    @Max Mustermann

    „Des Weiteren verstößt GM gegen die ureigensten Erkenntnisse der Postmoderne, darum wird ja auch deutlich, dass der Diskurs im Halbdunkel der Halböffentlichkeit bestimmt werden muss, denn absolute Wahrheitsansprüche gibt es ja bekanntlich nicht mehr.“

    Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn implizit wird dieser Wahrheitsanspruch unbeirrt weiter erhoben, die Selbstwidersprüchlichkeit ist meines Wissens nirgendwo von Feministinnen/Postmodernisten thematisiert worden. Es gibt ein paar Positionen, deren allgemeine Geltung einfach unterstellt wird: Sexismus ist schlecht, Rassismus ist schlecht, Diskriminierung ist schlecht, Ungleichheit ist schlecht. Und in dieser Allgemeinheit wird das wohl kaum jemand bestreiten, aber (man sieht das ja an den feministischen Diskussionen selbst) im Detail ist es höchst unklar, was im konkreten Fall Diskriminierung oder Sexismus ist.

    @Alexander Roslin

    „Und ausgerechnet beim Menschen soll all das plötzlich ganz anders sein, dem Menschen, der aus der Tierwelt bruchlos-allmählich herausgewachsen ist, den kein scharfer Schnitt eindeutig vom Tier scheidet?“

    Um diesen Schnitt zu legitimieren, dienen Texte wie der von mir schon verlinkte von Johannes Dingler: http://www.gradnet.de/papers/pomo98.papers/jsdingle98.htm

    Demnach leben Menschen und Tiere in zwei völlig verschiedenen Welten, da sich Tiere nicht an Diskursen beteiligen. Es wird wirklich ein totaler Abgrund zwischen Menschen und dem Rest der Natur aufgerissen.

  7. @Christian

    „In der (reinen) Philosophie kann man die richtige Lösung nicht finden, weil man dazu die biologischen Grundlagen verstehen muss. Vielleicht müsste es wirklich ein Fach sein, dass zwischen den Disziplinen steht und von beiden Seiten Wissen heranzieht.“

    Der Biologie E.O.Wilson hat eine Solche Synthese versucht, s. http://en.wikipedia.org/wiki/Consilience_%28book%29

    Nicht uninteressant.

  8. @El Mocho

    Richtig, faktisch ist es egal, wo man sie ansiedelt, aber wenn der Bereich Überschneidungen zu einem anderen Gebiet hat, dann müssen dessen Theorien eben mit einbezogen werden. Und wenn man ein biologisches Thema wie den Menschen nimmt, dann muss man sich eben bewusst sein, dass man da auch biologische Kenntnisse braucht.

    Aber das ist eben etwas vollkommen anderes und schwer in das Fach zu integrieren.

    Mich verwundert aber auch, dass die Grundlagen der Philosophie nicht offener angegriffen werden. Freud, Inzestverbot etc als Grundlage zu haben, da muss es doch eigentlich Einwände geben, dass das nicht mehr ganz aktuell ist.
    Klar, in einem Studium schwer unterzubringen, weil man ja dort auch eine Note will, aber es überrascht mich dennoch.

    Der Diskurs scheint das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zu sein. Aber sehr tiefgehend ist das nicht. Schade eigentlich.

    Hast du das Buch von Wilson gelesen? Wie ist die Synthese deiner Meinung nach gelungen?

  9. @ christian:

    Freud als Grundlage eines Philosophiestudiums? An welcher Uni bitteschön? Freud wird nicht mal mehr in der Psychologie als Grundlage angewendet.

    Analytische Philosophie hat nun sehr wenig mit Psychoanalyse zu tun. Da gehts eher um Logik und ich bezweifle dass der Feminismus einer intensiven philosophischen Kritik standhalten könne.

    Der Empirismus wie er in den Naturwissenschaften angewandt wird ist da widerum anderer Natur. Was die Philosophie bzgl. Wissenschaftstheorie und Erkenntnistheorie für den Fortschritt bzw. als Grundlage für die Wissenschaften geleistet hat ist eher beeindruckend.

  10. @Galloway

    Die Grundlagen von Judith Butler, zumindest in dem Unbehagen der Geschlechter sind, wenn ich das richtig mitbekommen habe, Simone de Beauvoir, Julia Kristeva, Sigmund Freud, Jacques Lacan, Luce Irigaray, Monique Wittig, Jacques Derrida und Michel Foucault.

    Beauvoir, Kristeva, Lacan, zitieren Freud ebenfalls, Irigraray ist eine Schülerin Lacans, Derrida hat auch viel auf Freud und der Neuinterpretation von Freud durch Lacan aufgebaut, Wittig dann wieder auf Derrida.

    Von Foucault kommt dann die Idee das Körper und Sexualität Konstruktionen sind.

    Sowie ich es verstehe sieht Foucault es ja so, dass Macht zum einen dazu dient eine effektive Verwaltung zu ermöglichen, zum anderen wird über Erziehung und Strafe auch Körper und Geist geformt.
    Es soll zum einen der einzelne Mensch zu einem möglichst angepassten Individuum geformt werden und zum anderen die Gesellschaft ebenso.
    Macht wirkt insofern über Normen und gesellschaftliche Regelungen auf den einzelnen Menschen ein, der damit gleichzeitig den Wunsch hat sich auf eine bestimmte Weise zu verhalten und dessen „Wissen“ über die korrekte Verhaltensweise abgefragt werden kann.
    Dadurch, dass man bestimmte Praktiken als „normal“ etabliert wird Kontrolle ausgeübt und die „Normalität“ erst geschaffen.
    Was natürlich gut zu vielen feministischen Theorien passt, die sich aber auf die Beschränkungen der Frau konzentriert hat, die sich dann aber auch auf Körper und Geist auswirken.

    Butler scheint mir dies dann damit zu vermischen, dass eben auch die Freudsche Idee der Geschlechterherausbildung über Ödipuskomplex, Penisneid etc. eine solche Normalität errichtet, die Kontrolle ausübt.

    Foucault hat ja bezüglich der Sexualität etwas ähnliches gemacht, wenn er meinte, dass Sexualität kein Trieb ist, sondern nur eine soziale Konstruktion (was falsch ist, aber gut). Dadurch, dass Sexualität als Naturkraft dargestellt wurde, konnte verheimlicht werden, dass es eigentlich in seiner derzeitigen Form nur der Kontrolle und Machtausübung dient. Sexualität war damit ein Herrschafts- und Kontrollinstrument.

    Der Körper der Frau und die Ausrichtung der Gesellschaftsverhältnisse wird in den nahestehenden Theorien des Feminismus eben auch als Instrument der Kontrolle angesehen, indem auch die hier bestehenden Unterschiede lediglich konstruiert sind.

    Zunächst kam daher der Versuch, Körper und Geist zu trennen in Sex und Gender. Dadurch sollte diese Konstruktion aufgebrochen werden und die Zuweisung von Funktionen über den Körper verhindert werden.

    Butler scheint mir jetzt diese Trennung wieder aufzuheben, indem sie den Körper selbst als konstruiert ansieht und daher die Unterscheidung zwischen Körper und Geist nicht mehr benötigt.

  11. Wilson schreibt in seinem Buch: „Die Grundidee von der Einheit allen Wissens ist, dass alle greifbaren Phänomene, von der Sternengeburt bis zu den Funktionsweisen von gesellschaftlichen Institutionen auf materiellen Prozessen berugen, die letzten Endes auf physikalische Prozesse reduzierbar sind, ganz egal wie lang oder umständlich ihre Sequenzen sind.“ (S. 355)

    Die Synthese aus Natur- und Geistes- bzw. Sozialwissenschaften läge demnach darin, materialistisch/wissenschaftliche Standards auch auf geistes- bzw. sozialwissenschaftliche Fragen anzuwenden. Und ich denke das geht, zumindest ein Stück weit. Es lassen sich z.B. evolutionäre Erklärungen für Rassismus oder Homophobie finden, aber die Konsequenz daraus wäre, dass man diese Phänomene nicht durch moralisiernedes Gezeter bekämpfen kann (und dass sie sich vieleicht überhaupt nur begrenzt bekämpfen oder gar ausrotten lassen).

    Das wird natürlich kein Diskurstheoretiker zulassen, denn es würde ihn arbeitslos und seine Theorien obsolet machen.

  12. ich glaube es wäre sehr interessant, wenn man ein Institut gründet, indem Forscher naturwissenschaftlicher Richtungen und geisteswissenschaftlicher Richtungen zusammen kommen und ihre Theorien miteinander abgleichen. Gerade die Bereiche Philosophie etc wären da sehr interessant. Es würde allerdings wohl meist darauf hinauslaufen, dass sie Geisteswissenschaften Änderungen vornehmen müssten.
    Wie Foucault-Anhänger darauf reagieren würden, wenn man ihnen erklärt, dass seine Theorien zum Sexualtrieb leider nicht mit Studien über Testosteron in Einklang zu bringen sind, kann ich mir allerdings vorstellen: Sie werden wohl nicht begeistert ihre Bücher ändern und auch nicht sich in die Biologie einarbeiten, um die Annahmen mit Studien zu widerlegen, sondern es schlicht ignorieren und weitermachen wie bisher.

  13. Nicht nur das, es ist mit Polemik bis beschimpfungen zu rechnen (Biologismus, Faschismus, Sexismus usw.).

    Man darf ja nicht vergessen, dass es immer auch um Geld geht, und zwar um Dozentenstellen, Beraterverträge, Gutachten usw.

    Z.B. diese Frau hier: http://www.urmila.de/ ist „Professorin für Genderstudies“ an der Humboldt-Uni in Berlin. Soweit ich sehe, tut sie nichts, als Ideologie zu produzieren und moralische Verurteilungen in die Welt zu posaunen: http://andersdeutsch.blogger.de/

    Diskussionsversuche auf ihrem Blog werden i.d.R. abgeblockt.

    Da sitzen also Leute in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten auf hochbezahlten Dozentenstellen und gehen auf Staatskosten ihren Hobbies nach.

    Noch eine Form von Privilegierung.

  14. Es ist doch nicht so, als ob Derrida und Foucault in der Philosophie sakrosankte Allgemeinplätze wären. Meines Wissens haben die wenigsten Philosophen Derrida Ernst genommen – er selbst sagte einmal, dass er wisse, dass auch er aus der Metaphysik nicht herauskomme – und bei Foucault wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass er selbst mit dem Machtwillen im Bunde ist; vielleicht seine eigene Homosexualität für die damaligen Zeiten zu normalisieren suchte?

    „… für Foucault gibt es tatsächlich kein Außen der Macht. Die Thetorische Frage von Frank: „Ist die Archäologie also selbst […] mit dem Machtwillen im Bunde?“ (ebd. 239) muss mit ja! beantwortet werden und führt daher zur richtigen Diagnose, „daß Foucault der von ihm entlarvten Omnipräsenz der Macht nichts entgegenstellen kann“ (ebd. 240).“ (Münker/Roesler: Poststrukturalismus, 158. zitiert: Frank: Was ist Neokstrukturalismus?)

    Wir dürfen auch beim späten Foucault nicht vergessen, dass dieser dezitiert für eine „Philosophie als Lebensform“ eingetreten, einen quasi stoischen Zugang zur Sexualität entworfen und vertreten hat.

  15. Nachtrag: Wenn Derrida also von einer immer schon anwesenden „différance“ spricht, ist und bleibt dies nur eine idealistische Gegenposition und mehr nicht. Wobei immer noch fraglich ist, woran man ihn überhaupt festmachen soll, da ja die Sinnerschließung wie ersichtlich ist, Schwierigkeiten macht. Ich kann es mir nicht erklären, dass mehrere Philosophen damals gegen die Verleihung des Ehrendoktorats, ich glaube in Oxford, eingetreten sind – sind solche philosophischen Eliten wirklich alle zu dumm, den Sinn dahinter zu verstehen. Also ich denke nicht.

    Warum die meisten Menschen sich auf Basis dessen, obwohl sie sich zufrieden und gut fühlen, ändern sollen, über alle Gleichberechtigung hinaus, ist damit nicht zu rechtfertigen. Reine politische Agenda EINIGER Genderistinnen.

  16. Natürlich, ich kenne auch kaum einen fachphilosophen, der Foucualut oder Derrida besonders ernst nimmt, aber ihre Theorien wirken in den Geistes- und Sozialwissenschaften und in der Pädagogik, wo sie (zumindest in Deutschland) praktisch eine Monopol haben.

    Ich glaube kaum, dass es für einen Soziobiologen möglich wäre, einen Lehrstuhl an der Uni Berlin zu bekommen, er würde unverzüglich rausgemobbt, von Studenten und Dozenten.

  17. @Simon M

    Sehr interessant. Du hast nicht zufällig eine gute Stelle, bei der man das noch einmal nachlesen kann?

    Die diesbezügliche Kritik scheint jedenfalls nicht bis in die Gender Studies vorgedrungen zu sein, da stimme ich El Mocho zu. Das ist aber wohl auch eine Frage, inwieweit man Selbstkritik, dort eher Backslash genannt, dort zulässt.

    Was genau meinst du mit „kein Außen der Macht?“ Ich verstehe es so, das er also alles durch Macht konstruiert sieht und daher biologische Grundlagen eines Verhaltens bei ihm keinen Platz haben.

    @El Mocho

    Ich denke auch, dass die dortigen Vorlesungen wahrscheinlich sehr schlecht besucht wären, was schade ist. Ginge wohl nur, wenn sie als verpflichtend aufgenommen werden würden.

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  21. Menschen wie Hinrich Rosenbrock sind der Grund, warum ich begonnen habe, mich für das Thema Männerrechte und Gender Mainstreaming zu interessieren.
    Ich hörte den Beitrag eines „Forschers“ im SWR, der so undifferenziert, pauschal und propagandistisch klang, dass selbst meine Freundin (wie ich Psychologin), sich an den Kopf fasste.
    Und siehe da, dieser angebliche „Sozialpsychologe“ kommt gerade erst von der Uni, wo er die Pseudowissenschaft Gender Studies studiert hat und arbeitet im Auftrag der Gender-Lobbyorganisation Heinrich Böll. Er hat nicht mal ein Doktorandenprofil, wie ich das sehe. Aber wenn man den Nerv einer großen politischen Agenda trifft, ist es auch ohne Referenzen möglich, Aufmerksamkeit zu erlangen

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