Butler und Patriarchat

Eine Aussage von Judith Butler zum Patriarchat:

Die politische Annahme, dass der Feminismus eine universale Grundlage haben müsse, die in einer quer durch die Kulturen existierenden Identität zu finden sei, geht häufig mit der Vorstellung einher, dass die Unterdrückung der Frau eine einzigartige Form besitzt, die in der universalen oder hegemonialen Struktur des Patriarchats bzw. der männlichen Herrschaft auszumachen sei. Allerdings ist die Vorstellung von einem universalen Patriarchat in den letzten Jahren auf breite Kritik gestoßen, weil sie unfähig ist, den spezifischen Vorgehensweisen der Geschlechterunterdrückug (gender oppression) in den konkreten kulturellen Zusammenhängen Rechnung zu tragen.(…) Zweifellos verleiht der Feminismus dem Patriarchat einen universalen Status, um den Anschein des eigenen Anspruchs, repräsentativ zu sein, zu stützen. Doch hat diese diese Dringlichkeit bisweilen zu dem Kurzschluß geführt, dass die Herrschaftsstruktur eine kategoriale oder fiktive Universalität aufweist, die die unterworfene Erfahrung, die den Frauen gemeinsam ist, produzieren soll.

Aus: Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, S.18

Butler ersetzt dies so wie ich es verstehe, später durch eine Heterosexuelle Matrix und Heteronormativität. Aber anscheinend sieht auch sie den Gedanken des Patriarchats als nicht gut durchdacht und eher als Propagandamittel an. Ihre Ersetzung halte ich allerdings für nicht viel besser, weil sie biologisch keinen Sinn macht. Aber dennoch finde ich den Satz recht interessant. Erstaunlich ist auch, dass in diesem Abschnitt kein einziges Fragezeichen vorkommt, das Lieblingssatzzeichen von Butler, mit dem sie wacklige Aussagen offen läßt, die Frage aber gleichzeitig als rhetorische Frage stellt.

16 Gedanken zu “Butler und Patriarchat

  1. Der letzte Satz macht auf mich auch irgendwie keinen Sinn. Kann das mal jemand für mich in verständliches Deutsch übersetzen?

    Will sie damit sagen, dass die Erfahrung der Unterdrückung von feministischen Phantasien produziert wird?

    Weil da hätte die Tusse sicherlich Recht.

    Lustig, dass sie eine so simple Aussage, so kompliziert verpacken muss …

    Aber vielleicht polemisiere ich auch nur wieder.

  2. @Manifold

    Ich denke, dass sie sagen will, dass das Patriarchat nicht so allumfassend ist, dass es alle Frauen erfahren, sondern verschiedene Kulturen verschiedene Formen der Unterdrückung und Benachteiligung erzeugen, die nicht unbedingt in einem Patriarchat bestehen müssen.

  3. Schöne Stelle… Ich würd nicht so weit gehen, zu sagen, dass Butler hier das Patriarchat leugnet. Es geht eher darum, wie mit diesem Konzept im bisherigen Feminismus umgegangen wurde.
    Damit dieser sich als Zentralorgan „der Frauen“ verstehen konnte, wurde eine gemeinsame weibliche Unterdrückungserfahrung konstruiert, die alle Frauen angeblich teilen.
    Butler interessiert sich dagegen eher für die Verschiedenheit als für das Einheitliche an den Benachteiligungen.
    Und sie lehnt dieses fiktive Kollektivsubjekt „die Frauen“ (Nach dem Motto: Die Frauen wollen X.) ab, weil jeder Mensch verschieden ist und manche Frauen sich selbst vielleicht garnicht als Frau definieren möchten.
    Damit… und ich denke in soweit habt ihr sie richtig verstanden… tritt sie dem damaligen Feminismus kräftig in die Eier.
    Ohne dabei aufzuhören Feministin zu sein, oder gar Antifeministisch zu werden… eher auf freundschaftlicher Ebene. :o)

  4. @Ekelbaron

    Es kommt bei der Frage, wie sie zum Patriarchat steht natürlich immer darauf an, wie man Patriarchat eigentlich definiert. Butler verweist ja durchaus darauf, dass die Gesellschaft „phallozentrisch“ ist, wenn ich das richtig verstanden habe und bringt dies zusammen mit der heterosexuellen Matrix und später dann mit Privilegierungen aus allen möglichen Gesichtspunkten, die es zu sehen und aufzuheben gilt.
    Ihre Ablehnung des Begriffs „Frauen“ wollte ich eigentlich auch noch hier reinstellen.

  5. Das ist richtig… In den 70gern gabs durchaus einige Texte, die den Eindruck erweckten, das Patriarchat wäre eine Art jüdisch-bolschwistischer-Weltverschwörung, wo sich alle Männer nachts heimlich treffen, um zu entscheiden, was sie wieder gemeines mit den Frauen anstellen.
    Normalerweise geht es heute nur darum, dass man eine Gesellschaft, in der männliche Personen machtbezogene Vorteile gegenüber weiblichen haben.
    Das streitest du, soweit ich dich verstehe, ja auch nicht ab. Du sagst halt bloß, dass das eher an den Genen liegt als an der Gesellschaft.

  6. @Eckelbaron

    Ich sehe es etwas differenzierter. „Männer haben machtbezogene Vorteile“ sagt für mich wenig aus. Ist es Macht sich alleine um seine Kinder kümmern zu können während ein anderer das Geld (Unterhalt, Zugewinn, Versorgungsanwartschaften) für einen verdient? Es kann zumindest Macht sein. Wie sich so etwas auswirken kann zeigt zB in einem Extremfall Elin Nordegren. Diese würde ich nicht als machtlos oder unterdrückt bezeichnen.

    Die Männer, die nach oben gekommen sind, haben das nicht nur dadurch erreicht, dass sie Männer waren, sondern häufig durch harte Arbeit, das richtige Studium, den Willen sich durchzusetzen. Die Frauen die nach oben gekommen sind hatten den gleichen Weg. Es sind meiner Meinung nach nur weniger Frauen daran interessiert diesen Weg zu gehen. Wenn man sich Männer- und Frauenbiografien anschaut, dann sieht man häufig, dass Männerbiografien wesentlich mehr auf Karriere ausgerichtet waren. Und Frauen wesentlich mehr Abstriche für die Kindererziehung gemacht haben aber deswegen auch nicht unbedingt weniger vom Leben hatten als die Männer. Mir ist die Gleichung Arbeit=Gut Kindererziehung=entgangene Karriere zu billig. Meiner Meinung nach müsste man insoweit für ein Patriarchat feststellen, dass Frauen tatsächlich zurückgehalten werden, wenn sie den gleichen Einsatz bringen.
    Aber in der Tat kommen noch biologische Gründe dazu. Frauen sind zB wesentlich weniger bereit einen Mann zu akzeptieren, der Kinder versorgt und nicht Haupternährer ist. Sie wollen einen Mann mit etwa gleichen Gehalt oder mehr. Zudem macht Männer beruflicher Erfolg als Partner interessanter für Frauen, Frauen aber nicht für Männer.
    Das ist aber keine Benachteiligung von Frauen und damit aus meiner Sicht auch kein Patriarchat. Es sind vielmehr unterschiedliche Vorstellungen was im Leben und an einem Partner wichtig ist und diese werden jeweils umgesetzt. Wenn aber beide Geschlechter durchaus ihre Lebensvorstellungen umsetzen können, kann ich nicht das Ergebnis als Verwirklichung männlicher Ziele, also Patriarchat deuten.

  7. Abgesehen davon, dass du verallgemeinerst (die Frauen) stimmt das meiste ja…
    Und genau das nenne ich Patriarchat, weil ich es als Sozialverhalten interpretiere und nicht als angeborene Instinkte irgendeiner Tierart. Was tiefenpsychologisch jetzt dahintersteckt ist mir ziemlich egal.

    Man kann sich natürlich jetzt über Machtbegriffe streiten. Und darüber, wie groß diese Ungleichheit ist und ob es Ausnahmen gibt.

    Eine Hausfrau mag in der Familie die Hosen anhaben, ihre Chancen auf außerfamiliäre Macht sind aber deutlich kleiner als die ihres Gatten, der ja sehr viel mehr Zeit außerhalb der Familie verbringt.
    Heterosexuelles Flirten ist auch so ein Beispiel, wo die Macht eher bei der jeweiligen Frau liegt.
    Aber wenn mans gesamtgesellschaftlich betrachtet gibt es da schon noch eine deutliche Ungleichheit.

    Achja… und das mit der „Verwirklichung männlicher Ziele“ meinte ich mit der jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung…

  8. @Ekelbaron

    Ich denke damit legst du allerdings einen weiten Patriarchatsbegriff zugrunde. Ich sehe darin immer noch die Herrschaft des Mannes über die Frau und die Begrenzung der Frau durch den Mann im Sinne einer Unterdrückung. Wenn aber auch ein Patriarchat vorliegt, wenn die Frau genau das Leben hat, was sie sich wünscht und auch noch das Oberhaupt der Familie sein kann dann fehlt mir dieser „Unterdrückungsaspekt“. Was hat der Patriarchatsbegriff dann überhaupt noch für eine Aussagekraft?

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