Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht

Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“  ist ein wichtiges feministisches Werk. Ich habe es vor einigen Jahren gelesen und stelle hier einmal meine damalige Stellungnahme ein:

Bereits der Rückseitentext versprach einiges:

„Die universelle Standortbestimmung der Frau, die aus jahrhundertealter Abhängigkeit von männlicher Vorherrschaft, aus einer übermächtigen Tradition von Schwächegefühlen ausgebrochen ist, hat seit ihrem Erscheinen nichts an Gültigkeit eingebüßt“

Ich machte mich daher voller Vorfreude ans Lesen. Dabei erwartete ich scharfsinnige Argumente, wissenschaftliches Vorgehen, neue Positionen, fundiertes Wissen, eine neue Sichtweise.

Vielleicht war die Erwartungshaltung etwas groß, vielleicht beruht der Ruhm des Buches auch eher auf seiner historischen Bedeutung als Anstoß für viele Frauen der damaligen Zeit, aber ich muss sagen, ich war enttäuscht.

Zuerst einmal die Wissenschaftlichkeit:
Das Buch hat 900 Seiten und ungefähr 430 Fußnoten. Davon sind mindestens 40% Anmerkungen zum Text ohne Quellenangabe. Das macht so ziemlich auf jeder dritten Seite eine Quellenangabe. Das alleine mag man noch nicht für unwissenschaftlich halten, der Rest der Quellenangaben sind allerdings auch gerade angetan meine Meinung zu verbessern: Beauvoir zitiert nicht selten Bellestrik, um ihre Ansichten zu belegen. Wenn sie darstellen will, wie Frauen fühlen und denken, dann zitiert sie teilweise aus Klassikern. Dabei benutzt sie die Vornamen der Figuren und stellt sie als lebendige Personen da. Das die Bücher nicht selten von Männern geschrieben wurden stört sie dabei nicht. Da sie einige Bücher sehr häufig zitiert schrumpft ihr Unterbau noch weiter zusammen.

Ihre Argumentation leidet schon formell an einigen Schwächen. Nicht selten ist ihr Argument „Ich selbst habe von einer Frau gehört…“ und das ohne Beleg oder näheren Hinweis. Auch ansonsten zitiert sie meist nur Einzelschicksale um ihre Thesen zu belegen. Mir fehlen da ein paar größere Statistiken, irgend etwas mit dem sie versucht zu belegen, dass ihre Einzelfälle verallgemeinerungsfähig sind.

Eine Meinung zB eines (antiken) Griechen, der sich über die Kratzbürstigkeit seiner Frau aufregt und sie daher nicht gerade lobt drückt bereits die Missachtung aller Griechen gegen die Frauen aus, die sich dann zur Unterdrückung auswächst (Um ein beauvoirsches Agrument zu verwenden: Dann unterdrückt Al Bundy seine Frau, denn er sieht sie auch als faules Miststück an).
Zumindest in der deutschen Übersetzung wird es amüsant, wenn sie ihre Argumentation darauf stützt, dass es „le soleil“ ist, etwas so majestätisches also in der Sprache immer männlich ist (die Sonne).

Im Endeffekt hat Beauvoir damit ihre Meinung kund getan, ein „so könnte es sein“ ohne Absicherung.

Nun zu den Ansichten:
Beauvoir geht recht hart mit den Menschen ins Gericht: Ihre These ist, dass Menschen (Männer und Frauen) immer versuchen werden andere zu unterdrücken. Die Männer hatten die Gelegenheit, die Frauen zu unterdrücken,, also haben sie es getan. (S. 86 ff)
Die Frauen sind dabei nicht die besseren Menschen, die Frauen waren ebenso grausam oder mutig wie die Männer. (S. 87).
Sie zeichnen sich auch nicht durch eine natürliche Selbstaufgabe für die Familie aus, sondern vertritt egoistische Ziele. (S. 3220/321 „Die Frau mit Altruismus identifizieren heißt dem Mann absoluten Anspruch auf ihre Ergebenheit garantieren, heißt der Frau ein kategorisches Seinsollen aufzuzwingen“)

Als wesentliche Behinderung sieht sie unter anderem die Schwangerschaft, bei der die Frau auf Kosten ihrer Energie Leben zur Welt bringt. Sie war daher nicht in der Lage auch noch ihr und das Leben der Kinder zu sichern und war daher auf den Mann angewiesen, ohne diesen hätte das Menschengeschlecht nicht überdauert (S 88) Weil das Leben so gefährlich war, konnte man sich auch mehr Ruhm erwerben, wenn man tötet, nicht wenn man gebiert (S. 90). Diese Herrschaft des Mannes wird schließlich gefestigt durch die Vererbung des Besitzes an die männlichen Nachkommen und dadurch, dass Frauen nicht selten „gekauft“ werden, also dem Vater bestimmte Summen gezahlt werden.

Beauvoir geht recht einseitig vor: Sie nimmt für sich in Anspruch, unabhängige Richterin zwischen den Geschlechtern sein zu können, vergisst dabei aber, dass sie dann auch die Nachteile und Vorteile beider Geschlechter untersuchen muss und nicht lediglich ein Geschlecht. Entsprechend einseitig erscheint ihre Argumentation dann teilweise: Während Sie versucht den „Mythos Frau“ aufzuklären, fällt sie nicht selten auf den Mythos Mann herein.

Zuerst argumentiert sie, der Mann betrachte die Menstruation der Frau als unrein, weil er auf sie den Schrecken vor seiner eigenen körperlichen Kontingenz projiziert (S. 200).

Wenn es dann um das Verhältnis der Frauen zu ihrem Körper geht, so wird die Menstruation so dargestellt, dass das Mädchen bestürzt sein muss, weil sie blutet und häufig Schmerzen hat (Was sie als für das Wertgefühl des Mädchen nachteilig ansieht).
Beim Mann ist der selbe Vorgang, der ebenfalls zu Unbehagen führt, eine Abwertung der Frau, bei der Frau ist es ein natürlicher Vorgang.

Sie macht es sich zu einfach, wenn sie die Doppeldeutigkeit der Frau daraus herleitet, dass sie häufig gut und böse gleichzeitig sind, etwa wenn sie als Kurtisane die reichen Geldleute ausnimmt um dann für einen Maler Mäzenin zu sein (S. 320). Der Dieb, der seine Familie ernährt, hat mit der selben Problematik zu kämpfen.

Einige ihrer Beispiele scheinen auch nur auf Frankreich zu zu treffen, etwa wenn sie sagt, dass der Tod als weiblich dargestellt wird und der Tod daher das Werk der Frauen ist. Mir fallen in Deutschland eher der Gevatter Hein und der Sensenmann ein, ansonsten noch Pluto als Todesgott etc. .

Wenn Beauvoir darlegt, dass Kinder ihre Mutter nicht gern als Körper wahrnehmen und die Kinder damit die Mutter verleugnet weil er die Geburt durch eine Frau als Unrein ansieht, dann vergisst Sie, dass auch der Vater asexuell gesehen wird und auch kein Sexualleben haben soll.

Beauvoir ist der Auffassung, dass viele Frauen aus Bequemlichkeit in der Unterdrückung verbleiben, denn eigenes Denken bedeutet auch eigene Verantwortung, vor der die Frauen, dann lieber in die Sicherheit von Heim und Herd fliehen.
Gleichzeitig vertritt sie, man soll der Frau Verantwortung geben, dann und wird sie sie zu übernehmen wissen (S. 896).
Die Problematik, dass es schwer ist jemanden Verantwortung zu geben, der vor dieser an den Herd flieht, bleibt dabei unberücksichtigt.

Eine Menge Gründe für die Stellung der Frau in der Gesellschaft verordnet Bauvoir in der Frauen gemeinsamen Entwicklungsgeschichte. Der Penisneid etwa führe direkt dazu, dass die Frau sich unterlegen fühlt. Beauvoir greift damit Freud auf, der heute stark angezweifelt wird.
Auf die Frau wirkt weiterhin ein:

  • Die Angst vor der späteren schmerzhaften Geburt
  • die Menstruation
  • der erste Sex („die erste Penetration ist immer eine Vergewaltigung“ S. 466), den sie dem Mann immer nachträgt, egal ob er unsanft (dann wird sie frigide weil das Erlebnis schrecklich war) war oder ob er sanft war (dann kann sie ihn nicht als Mann akzeptieren und wird auch frigide)
  • das ihr die Gesellschaft nicht ermöglicht sich selbst zu versorgen, sondern dass sie ihre Pläne nur in einem Mann verwirklichen kann.
  • viele Schwangerschaften wegen schlechter Verhütungsmöglichkeiten machen Sex zu etwas unangenehmen
  • Abtreibungen unter schlechten Bedingungen

Vieles erscheint mir davon nicht mehr problematisch. Das eine Geburt schmerzhaft ist bekommt das Mädchen viel weniger mit, die Geburten sind seltener und im Krankenhaus. Von ihrer Menstruation erfahren die Mädchen nicht erst kurz vor/beim Einsetzen, sondern Dank Werbung und blauer Ersatzflüssigkeit wesentlich früher. Eine Frau kann heutzutage Karriere machen und sich selbst versorgen, sie ist nicht mehr auf einen Mann angewiesen. Sie heiratet nicht mehr unbedingt den ersten mit dem sie schläft und auch die Entjungferung ist nicht mehr so negativ besetzt. Eine Abtreibung erfolgt heute, dank bessere Verhütung seltener und die Patientin wird medizinisch versorgt und nicht zusätzlich gequält.

Der Penisneid dürfte abgemildert sein durch das Wissen, dass „Frauen alles können, was Männer können plus Kinder bekommen“ (habe ich jedenfalls früher häufiger gehört) und das Wissen, dass seine Genitalien den Mann verwundbar machen („Tritt in die Eier“).

Beauvoir unterstellt dem Mann jedenfalls häufig das schlechteste, sie verfolgt meist nur einen Motivweg und präsentiert ihn damit als allgemeingültig.

Nach ihrer Auffassung löst das Wort „Weibchen“ bei dem Mann folgende Bilder aus: „ein gewaltiges rundes Ovolum schnappt nach beweglichen Spermatozoon und kastriert es. Monströs und vollgefressen herrscht die Termitenkönigin über die unterworfenen Männchen. Die Gottesanbeterinnen, die liebessatten Spinnen zermalmen ihre Partner und fressen sie auf“. (S. 27)

Um ein weiteres Beispiel zu geben: (es geht um Sex und die Frage des Mannes ob er gut war)

„Ist es genug?“ „Willst du noch? War es gut?“ Schon die Tatsache, daß eine solche Frage gestellt wird, offenbart die Trennung, verwandelt den Liebesakt in einen mechanischen Vorgang, der vom Mann gesteuert wird. Und genau darum stellt er sie. Mehr als die Verschmelzung sucht er die Beherrschung. Wenn die Einheit sich auflöst, dann findet er sich als einziges Subjekt wieder. […] Dem Mann ist es nur recht, wenn die Frau sich erniedrigt, gegen ihren Willen in Besitz genommen fühlt.“ (S. 485)

Die Frage MUSS Beherrschung ausdrücken. Sonst stimmt das Weltbild nicht. Das sie vielleicht auch aus Sicht des Mannes einfach nur Unsicherheit ausdrückt und den Wunsch, die Frau zu befriedigen, das ist undenkbar. Das der Mann nicht wissen kann, ob sie bereits gekommen ist, im Gegensatz zu ihr und er daher ein Interesse daran hat, dies herauszufinden, dass kommt Beauvoir nicht in den Sinn.

Aus der Tatsache, dass Männer Frauen häufig Kosenamen geben, wie „kleines Mädchen“, schließt sie, dass die Frauen in die Sicherheit der Kindheit zurückflüchten wollen (S. 803). Das Männer nicht seltener mit Kosenamen belegt werden („Hase etc“) wird ignoriert

Wenn sie darauf abstellt, daß in dem Drama „Die Eumeniden“ der Triumph des Patriarchats über das Mutterrecht illustriert wird (S. 106), dann unterschlägt sie, dass Orest seine Mutter tötet, weil diese mit ihrem Liebhaber seinen Vater umgebracht hat. Es stehen sich also gegenüber die Pflicht den Elternmörder zu rächen und die Achtung vor den Eltern, hier der Mutter. Er ist nicht zuerst Sohn des Agamenom, sondern die Rächerpflichten wiegen höher, wenn ein Elternteil ein anderes ermordet. Es ist der typische Tragödienstoff, Orest muss sich versündigen, egal, ob er seine Mutter tötet oder den Vater ungerächt lässt. Das die Mutter hier „verliert“ könnte auch daran liegen, dass sie sich bereits vorher durch einen Mord versündigt hat, die Rächerpflichten aber nicht gemildert werden (der Vater hatte nichts falsch gemacht).

All ihre Thesen zum Werdegang stützen sich letztendlich auf die These, dass man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern es wird (S. 334).
Dabei geht sie auf biologische Begründungen in keiner Form ein, setzt sich daher auch nicht mit diesen positiv oder negativ auseinander. das mag am damaligen Stand der Forschung liegen, macht ihre Grundthese aber noch mehr zu einer Vermutung, denn die Beobachtungen, die sie macht würden ja genauso auftreten, wenn sie biologische Ursachen haben.

Beispielsweise schildert sie eine homosexuelle Frau, die sich sehr männlich benimmt. Dabei ist ihr Körperbau ebenfalls sehr männlich. Ihr ganzer Lebenstil ist der eines Mannes und sie gibt isch auch später als Mann aus und heiratet eine Frau. Beauvoir führt das auf den Vater zurück, der die Frau sehr männlich erzog.
Das ein männlicher Körperbau bei einer Frau auf hormonellen Störungen in der Geschlechterherausbildung im Mutterleib beruht und dabei auch gewisse Gehirnfunktionen auf „Männlich“ geschaltet wurden, wie (IMHO) Homosexualität heute erklärt wird, kommt in ihren Gedankengängen nicht vor. Die Ausführungen wie die Gesellschaft das soziale Geschlecht formt, sind daher eher zweifelhaft.
Lesben entschließen sich zur Homosexualität nach Beauvoir weil die Männer sie enttäuscht haben, weil sie die Männerrolle ausfüllen wollen, der ihnen ein entkommen aus der Tristigkeit des Frauenalltags bietet oder weil sie so keinen Herren haben, dem sie sich unterordnen müssen. Homosexualität ist eine freie Entscheidung, die nicht auf einem „sexuellen Schicksal“ beruht.
Wie dann die männliche Homosexualität entsteht verschweigt sie. Auch das es mehr Schwule als Lesben gibt läßt sie ausser acht, was natürlich bei einer Erklärung aus der Unterdrückung der Geschlechter durchaus interessant ist.

Sie stellt zwar kurz fest, dass „der Mann das Glück hat, daß man ihn zwingt, die steinigsten, aber sichersten Wege einzuschlagen“ (wobei sie sichersten in bezug auf die Unabhängigkeit versteht, S. 802) und auch das Knaben zunächst die härtere Kindheit haben und mehr geschlagen/weniger geschont werden, während Frauen alles auf den Weg der Bequemlichkeit lockt bis sie dieser unwiderstehlichen Versuchung nicht mehr widerstehen können.
Dabei stellt sie aber die Mühseligkeiten der männlichen Sozialisation nicht in Frage und erkennt nicht, dass auch hier viele Psychosen angelegt sind, die den Mann belasten.

Aufgrund all der Gesellschaftlichen Nachteile nimmt sich nach Beauvoir die Frau nicht als Subjekt wahr, sondern nur als „das andere“, wobei der Mann eben das wesentliche ist.
Auch das halte ich heute nicht mehr für zutreffend. Frauen sind heute bewußt Frauen und nehmen sich auch als solche wahr. Sie vertreten Fraueninteressen und stellen sich durchaus selbst in Frage, nehmen sich als Subjekt dar.

Die Mißachtung der Folgen von Gewalt allgemein und Härte in der Erziehung zeigt sich bei Beauvoir recht häufig. So ist es ihrer Auffassung nach auch „der schlimmste Fluch, der auf der Frau lastet, dass sie von den Kriegszügen ausgeschlossen ist“. Beauvoirs Ansicht zu einer Wehrpflicht für Frauen sollte damit eigentlich unstrittig sein, was vielleicht auch erklärt, warum A. Schwarzer, IMHO eine Beauvoir-Jüngerin, dies in ihren Büchern, wenn auch selten lautstark in der Öffentlichkeit, ebenfalls fordert.

Interessant fand ich noch folgende Stelle:

Frauen, die unter der Obhut eines Mannes aufwachsen, bleiben von der belastenden Seite der Weiblichkeit weitgehend verschont.
„Ein Fluch, der auf der Frau lastet, besteht darin, daß sie in ihrer Kindheit Frauenhänden überlassen wird.“ (S.348 )

Vorbild Beauvoirs sind jedenfalls die amerikanischen Frauen ihrer Zeit, die schon sehr dicht am Ideal der befreiten Frau dran sind. Da sich seit dem einiges getan hat und die Lage der Frauen deutlich besser geworden ist, ist eigentlich ein Großteil ihrer Kritik hinfällig. Über ihr späteres Werk und wie sie zu der Moderne steht habe ich aber noch nichts gelesen.

Zur Ergänzung:

Halper: Sex Differences In Cognitive Abilities

„At the time I started writing this book it seemed clear to me that any between sex differences in thinking abilities were due to socialization practices, artifacts, and mistakes in the research. After reviewing a pile of journal articles that stood several feet high, and numerous books and book chapters that dwarfed the stack of journal articles, I changed my mind. The literature on sex differences in cognitive abilities is filled with inconsistent findings, contradictory theories, and emotional claims that are unsupported by the research. Yet despite all the noise in the data, clear and consistent messages could be heard. There are real and in some cases sizable sex differences with respect to some cognitive abilities. Socialization practices are undoubtedly important, but there is also good evidence that biological sex differences play a role in establishing and maintaining cognitive sex differences, a conclusion I wasn’t prepared to make when I began reviewing the relevant literature.“

Diane F. Halper, American psychologist and past-president of the American Psychological Association, Author of Sex Differences In Cognitive Abilities

Feministische Theorie und mehrere Geschlechter

Der feministische Autor Heinz-Jürgen Voß fasst die Thesen seines Buches „Making Sex Revisited: Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive“ in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Analyse &  Kritik: Zeitung für linke Debatte und Praxis“ zusammen.

Seiner Auffassung nach gibt es biologisch mehrere Geschlechter. Er stützt sich hier auf Judith Butler, die ihm aber nicht weit genug geht. Butler habe zwar erkannt, dass der Körper erst in der Gesellschaft gelesen werde, bleibe aber bei der Erscheinung zurück.

Als Beispiel für dieses Lesen des Körpers in der Gesellschaft wird angeführt:

Lange Zeit wurden weibliche und männliche Zeugungsstoffe gleichermaßen als „Samen“ beschrieben, z.T. mit Unterscheidung der Qualität; sie wurden allerdings nicht als binär und gegensätzlich wahrgenommen, wie es heute oftmals geschieht.

Ich muss Butler noch im Original lesen, dass Buch ist immerhin schon gekauft, aber der Sinn erschließt sich mir nicht. Wir bezeichnen zB Unterarme auch als Unterarme und haben keine Begriffe für weibliche und männliche Unterarme. Wenn eine Frau aber „Männerunterarme“ (kräftig, beharrt, dicker) haben würde, dann würde dies ihre Schönheit abwerten. Zu recht, denn die Muskulatur und die Beharrung deuten auf fruchtbarkeitsminderndes Testosteron hin, und genau das soll die eingespeicherte Geschlechtererkennung mit Hilfe von Attraktivitätsmerkmalen ermöglichen. Wir sprechen zwar mehr von anderen Attraktivitätsmerkmalen, wie Brüsten und Hintern, aber das bedeutet ja nicht, dass wir die Arme außer Betracht lassen. Ein Beleg wäre es für mich eher, wenn man den Damenbart irgendwo auf dieser Welt als sexy ansehen würde. Aber das kommt meines Wissens nach nicht vor. Aber gut.

Die eigentlich These ist, dass Geschlechter nicht biologisch in lediglich Mann und Frau eingeordnet werden können, weil die Herausbildung individuell erfolgt:

Nicht das „Gen“ (die DNA) enthält Informationen, sondern die Zelle und die in dieser ablaufenden Prozesse „sagen“, aus welcher DNA Information gebildet wird. Sie „sagen“ auch, welche Information aus einer DNA-Sequenz gebildet wird. So entstehen aus einer DNA-Sequenz oft unterschiedliche Produkte auf Protein-Ebene. (…)

Dieser Prozess sei offen. Es liege kein statischer Raum vor, Einflüsse aller Art könnten einwirken. Demnach bildet sich der Genitaltrakt stets verschieden heraus.

Ich denke nicht, dass biologische Vorgänge so ablaufen. Denn da alles in uns auf Genen und deren Umsetzung beruht würde dies bedeuten, dass wir dann stets einen individuellen Menschen haben würden. Der Mensch an sich (und alle Lebewesen) scheint mir aber innerhalb bestimmter Parameter sehr konstant. Hätten wir eine so große Variationsrate, dass quasi zufällig ein Penis oder eine Vagina entstehen könnten, weil genetische Daten ohne Defekt dieser Daten so oder so ausgeführt werden, dann müsste der Mensch wesentlich abweichender sein und das Medizinstudium wäre noch eine Ecke schwieriger als es ohnehin schon ist.

Ich habe dort ein paar Fragen in den Kommentaren hinterlassen, die ich hier noch einmal wiederhole. Vielleicht klärt sich ja so auf, wie das klappen soll:

Nach dieser These haben wir dann auch nicht eine Leber oder einen Bauch, sondern unzählige individuelle Lebern und Bäuche, weil da ja die gleichen Gene etc greifen oder?

Dann kann zB Morbus Wilson eine neue Sorte Leber bewirken, so wie complete androgen insensitivity ein neues Geschlecht bewirkt?

Der Anteil der Intersexuellen liegt ja zwischen 0.018% – 1,7%, bei den anderen Menschen werden die Genitalien und sonstige Geschlechtsmerkmale hingegen zwar innerhalb bestimmter Spannen, aber klar erkennbar herausgebildet.

Der Grund für die Herausbildung der Geschlechter ist so wie ich das sehe in der Biologie noch nicht umunstritten. Momentan scheint mir die „Red Queen“ Theorie die überzeugendste zu sein.

Wie würden sich noch mehr Geschlechter eigentlich darin einordnen?

Zumal das Fortpflanzungsverhältnis bei den „zusätzlichen Geschlechtern“ ja noch verschlechtert, da viele nicht fortpflanzungsfähig sind und damit die Theorie, dass dadurch das Wettrüsten zwischen Parasit und Wirt wie in der Red Queen Theorie dargelegt nicht mehr klappt.

Bei den Theorien, warum sich Sex lohnt wird viel mit mathematischen Modellen gerechnet, die Überprüfen, wie sich die Nachteile, dass man zwei Wesen braucht statt nur eins um sich fortzupflanzen (im Gegensatz zu einer ungeschlechtlichen Fortpflanzung) auswirken. Gibt es solche mathematischen Modelle auch für die „Mehr-Geschlechter-Theorie?“

Die meisten Intersexuellen werden durch bekannte Gendefekte hervorgerufen:

Ich verwende die Auflistung bei Fausto-Sterling (allerdings aus dem Netz kopiert, nicht aus dem Buch abgeschrieben).

(a) late-onset congenital adrenal hyperplasia (LOCAH), 1.5/100; (b) Klinefelter (XXY), 0.0922/100; (c) other non-XX, non-XY, excluding Turner and Klinefelter, 0.0639/100; (d) Turner syndrome (XO), 0.0369/100; (e) vaginal agenesis, 0.0169/100; (f) classic congenital adrenal hyperplasia, 0.00779/10; (g) complete androgen insensitivity, 0.0076/100; (h) true hermaphrodites, 0.0012/100; (i) idiopathic, 0.0009/100; and (j) partial androgen insensitivity, 0.00076/100.

Wenn es biologisch mehrere Geschlechter gibt, dann müssten diese Abweichnungen ja keine Fehler (in biologischer, nicht in menschlicher Hinsicht), sondern Varianten sein, also ihr Vorhandensein durch Evolution gefördert worden sein. Wie würde sich dies, insbesondere bei den sterilen wie zB Klinefelter zu erklären sein?

Auch interessieren würde mich, ob die Ansichten von Heinz-Jürgen Voß der Stand der feministischen Forschung sind, also im Feminismus akzeptiert sind.